Jonglieren mit Fragen

Vertiefung nach der Basisausbildung

„Philosophy is a way of thinking about certain subjects such as ethics, thought, existence, time, meaning and value. … The aim is to deepen understanding. The hope is that by doing philosophy we learn to think better, to act more wisely, and thereby help to improve the quality of all our lives.“ The Philosophy Foundation

„To deepen understanding.“ Also das Verstehen zu vertiefen. Genau das ist im Seminar „Jonglieren mit Fragen“ passiert. Theres und Daniel haben uns entführt in eine Tiefsee des Denkens. Wie geht Philosophieren? Was sind gute Fragen, also Fragen, die dahin führen, wo ich etwas Neues lernen oder zutage fördern kann? 

The Philosophy Foundation beschreibt Philosophieren mit 4 Worten: responsiveness, reflection, reason und re-evaluation. Dabei liegt der Fokus im Denken eher auf der Frage „Ergibt es Sinn?“ als auf der Frage „Ist es wahr?“. Erstere zielt auf die Logik und Bedeutung, letztere eher auf die Fakten. Eine gute Frage, so die Foundation, berührt immer eine philosophische Disziplin wie die Metaphysik oder Erkenntnistheorie, und sie darf grundsätzlich den Zustand der Aporie, also der gesunden Verwirrung ermöglichen…

Der Einblick in den Ansatz der Londoner Kollegen und Kolleginnen ist hilfreich und unbedingt notwendig als ein Blick über den Tellerrand. Es gibt bezeichnende Unterschiede zur Akademie, die inspirierend sind, und auch Gemeinsamkeiten. Mit Sicherheit ist die Atmosphäre bei der Foundation britischer und kühler als im barocken Süden, wo, am Donnerstag, viel gelacht und gewärmt wurde. Aber die Intention ist die gleiche: das Denken aufschließen, besser verstehen, weiser handeln lernen und helfen, das Leben zu verbessern.

Spannend auch der Blick zum Landsmann Ekkehard Martens, der Philosophieren als erlernbare Kulturtechnik bezeichnet. Um mit Kindern zu philosophieren bzw. Kinder zum Philosophieren anzuregen, sollten im Gespräch fünf zentrale philosophische Disziplinen geübt werden: Phänomenologie, Analytik, Hermeneutik, Dialektik und Spekulation können dazu beitragen, das kritische und kreative Denken schon bei Kindern zu fördern. Sie werden, das dürfte euch bekannt vorkommen, durch bestimmte Fragestellungen erschlossen.

Wir würden übrigens noch die Ethik ergänzen, denn gerade für Jugendliche sind ethische Fragestellungen spannend und mit Fragen, Themen, Situationen aus ihrer Lebensrealität, dem Selbst- und Fremdbild verknüpft. Zudem lässt sich die Ethik gut aus den Perspektiven der fünf anderen Disziplinen reflektieren.

Neben der Funktion, philosophische Tätigkeiten zu provozieren, haben Fragen in Interview-Situationen andere Aufgaben, z.B. dem Strom des Erzählenden zu folgen und einzelne Stationen genau zu beleuchten (Was genau? Was dann?); verschiedene Reaktionsmöglichkeiten auf eine Situation zu ergründen (Was wäre wenn?); Gefühle, Gedanken, Erfahrungen einer Person zu erforschen (Wo fühlst du? Wann hast du erlebt?) usf.. Spannend war es, die Verknüpfung zu denken zwischen Interviewtechniken (angeregt durch die Bücher von Carmen Kindl-Beifuß) und dem vertiefenden Nachfragen beim Philosophieren. „Warum-Fragen verflüssigen“ ist auf jeden Fall bei vielen hängen geblieben. Anstatt „Warum hast du das getan?“ etwas neugieriger zu fragen: „Warum erschien dir in der Situation gerade das als der richtige Schritt?“

Fragen können wie Küsse schmecken. Und Philosophieren wie ein Abenteuer. Danke an alle! 

Unser Seminar “Jonglieren mit Fragen“ ist Pflichtseminar für alle Referent*innen der Akademie und richtet sich an alle Absolvent*innen der Basisausbildung.

Philosophieren (fast) ohne Worte

Ein Workshop mit Maria Mandl am 25. März 2026

Was für ein dichter, voller Nachmittag – in jeder Hinsicht: 20 Leute in unserem Seminarraum (wer ihn kennt, weiß, was das bedeutet) und alle brachten Ideen und Erfahrungen mit, aber auch Fragen an unsere Referentin Maria Mandl zum Thema: Kann man auch philosophieren, wenn kaum Worte zur Verfügung stehen? Und wenn ja: wie?

Die Teilnehmenden kamen aus den unterschiedlichsten Berufsfeldern und arbeiten entsprechend mit verschiedenen Zielgruppen: Schulpsychologie, Elternbegleitung, Arbeit mit Blinden und Gehörlosen, Deutschunterricht für (Kinder von) Migrant*innen, Kinderpflege, Arbeit in Förder- oder Mittelschulen oder auch an der Uni mit Studierenden fürs Grundschullehramt. Sie alle arbeiten mit Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen, die auf die eine oder andere Weise nur wenig Worte für den Ausdruck ihrer Gedanken und Gefühle zur Verfügung haben.

Maria Mandl, Sonderpädagogin mit Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung, Schulpsychologin und Gesprächsleitung fürs Philosophieren mit Kindern und Jugendlichen, sprach von der „Herausforderung Sprache“ in Bezug auf verschiedene Formen der Sprachstörung wie auch über Mehrsprachigkeit und Deutsch als Zweitsprache. Ihr Fazit nach vielen Jahren Praxiserfahrung: Philosophieren hilft! – Aber wie eigentlich?

Was bewirkt Philosophieren?

Maria Mandl meint: sehr viel! Es befördert

  1. Selbstreflexion und Identitätsentwicklung,
  2. Perspektivübernahme und Empathie,
  3. Sprachliche Entwicklung und Ausdrucksfähigkeit,
  4. Stärkung von Selbstwirksamkeit,
  5. Soziale Kompetenz und Gesprächskultur und
  6. Kognitives Denken und Problemlösefähigkeit.

Gerade Menschen mit wenig Sprache erleben oft sehr stark: Ich gehöre dazu. Ich darf auf meine Weise denken. Ich werde verstanden auch ohne viele Worte. Und das geschieht beim Philosophieren über Beziehung und Resonanz, natürlich auch über Körpersprache und Ausdruck, über das gemeinsame Tun und Erleben, teilweise in Stille und immer mit Zeit.

Gemeinsam baut die Gruppe einen geschützten Raum. Rituale signalisieren: Ab jetzt geht es ums Philosophieren! – und schaffen Verbundenheit. Die Teilnehmenden helfen sich gegenseitig sprachlich, jede Frage darf gestellt werden, alles was gesagt wird, darf hinterfragt werden – das alles führt mit einer gewissen Regelmäßigkeit zu Vertrauen, Zugehörigkeit und Gemeinsinn.

Die klassischen philosophischen Tätigkeiten – Perspektivwechsel, Spiegeln, Paraphrasieren, Begriffsklärung, Beispiele geben etc. – tragen nicht nur zu gegenseitigem Verstehen bei, sondern stärken die Wahrnehmung der eigenen Gedanken und die eigene Stimme. Ritualisierte Satzanfänge, Bilder oder non-verbale Signale (Handzeichen oder Bilder, Symbole) helfen, Sprache und Sprechen, aber auch Zuhören und Verstehen zu üben. Vertrauen erfordert auch eine Kultur des Austauschs zwischen den verschiedenen „Rollen“ (zum Beispiel Lehrer*in-Schüler*in). Wichtig ist dabei auch, dass die Gesprächsleitung eine reduzierte, klare Sprache benutzt.

Die Workshop-Teilnehmenden sind auf weitere Ideen gekommen:

Kultur, Raum und Anlass – wie finden?

Philosophieren pflegt eine Kultur des Miteinander-Sprechens, macht es zur Gewohnheit. Wir üben uns zu konzentrieren und Interesse für Unbekanntes zu entwickeln. Denken braucht eine gewisse Ausdauer, dafür muss Raum geschaffen werden (Regelmäßigkeit) und ein Anlass erkannt und genutzt werden: Gibt es einen guten Grund für Streit? Wann wird aus Streit Krieg? Wo im Körper fühlst du Wut? Wo Liebe?

Das könnte helfen:

  • Interaktion, freudvolles Begegnen als Anlass: gemeinschaftliches Kochen, Backen, Singen, Tanzen, Gestalten, Spielen – situativ Philosophieren oder über ein gemeinsames Thema: Warum feiern Menschen Feste?
  • Begegnungen in der Natur: in Resonanz mit der Umwelt kommen, der Wirkung nachspüren, Natur als freier, nicht zweckgebundener Raum (wie Klassenzimmer), Körper/Sinne miteinbeziehen – Kann der Baum was fühlen? Kann man die Sprache der Vögel verstehen?
  • Miteinander gehen, pilgern: beim Gehen ist es leichter zu sprechen, über Fragenstellen (z.B. auch die philosophischen Werkzeugfragen) Vertrauen zueinander finden
  • Schule ganz neu betrachten: darf es anders sein? Hinterfragen, Musterbruch, neue Wege beschreiten, gemeinsam überlegen
  • Philosophieren und Handeln: mal aus dem Tun heraus ins Philosophieren kommen; kreativ werden, betrachten, Fragen stellen, dann philosophieren

Wortschatz, Sprachlosigkeit, Sprachstörungen – Kinder können ihre Emotionen nicht ausdrücken

Immer mehr Kinder haben immer weniger Ausdrucksvermögen, insbesondere für komplexere (innere) Vorgänge. Begriffliche Unklarheiten führen auch zu Schwierigkeiten. Und was ist mit den Kindern, die gar nicht sprechen? Im geschützten Raum darf der Wortschatz für den Ausdruck von Gefühlen und Gedanken (die immer vorhanden sind) wachsen und gedeihen. Wir dürfen uns auch fragen: Wie viel Sprache ist notwendig? Vielleicht kann über Handlungen manchmal mehr ausgedrückt werden, insbesondere bei sprachlich heterogenen Gruppen.

Die Sprache ist beeinträchtigt, aber Denken oder Information verarbeiten findet statt! Gerade bei Mehrsprachigkeit müssen wir verstehen: Sprachkompetenz ist nicht gleich Denkkompetenz! Es geht darum, den inneren Monolog anzuregen. Ein Feingefühl zu entwickeln: Was will das Kind mitteilen? Nichtsprachliche Zugänge (Bilder, Musik oder auch Videos wie „Mr. BEAN“) entlasten, die Kinder können teilhaben, ohne (sprachlich) aufzufallen. Sprachbarrieren gibt’s immer, es geht nicht nur um Wörter, sondern um Verständigung. Wie schaffen wir aktiven Wortschatz? Wie kann man den Wortschatz über das Philosophieren erweitern?

Das könnte helfen:

  • Vor Allem: Zeit und Raum fürs Philosophieren und Nachdenken schaffen; Vertrauen aufbauen, kein Leistungsdruck im geschützten Raum, keine Bewertung im schulischen Sinn
  • Erklären über Bilder: Was ist (konkret) auf dem Bild zu sehen? (= Wahrnehmung) Was denkst du über das Bild? Was löst es bei dir für Gedanken aus? (= Interpretation oder Wirkung)
  • Kreative Ideen:
    • Annäherung über eine Fotowand: „Wie siehst du aus, wenn du … bist?“
    • Rollenspiel, emotionale Szenen, Pantomime, Standbilder
    • musikalischer Zugang: was löst die Musik in dir aus? Was fühlst du? Wo fühlst du es?
    • künstlerischer Zugang: Farben für Emotionen finden, die Silhouette eines Menschen ausmalen: Wo sitzt das Glück? Welche Farbe hat es?
  • Begriffe (mit Bezug zur Lebenswelt) kreativ/sinnlich erlebbar machen: z.B. Klang: Wie hört sich Heimat an? Haptik/Bauen: Wie sieht „meine“ Heimat aus, wenn ich sie mit (Legosteinen) baue? Geruch/Geschmack: Wie riecht/schmeckt Heimat? – Austausch: Was siehst du? Was fühlst du? Ist es überall gleich? Gibt es nur eine Heimat – oder mehrere?
  • Sketch-Notes oder Graphic recording: Wortschatz generieren über mitzeichnen
  • Körpersprache nutzen
  • Karten zum Draufzeigen: Gefühlsmonster-Karten mit Wort-Karten kombinieren, Gefühlsfische („Heute bin ich“), „da sein – was fühlst du?“ Postkarten (Hanser), Blitzlicht Kartenst (Beltz), Gefühl auf Packpapier (Mele Brink)
  • Kurze Filme ohne Sprache: z.B. Mr. Bean, dazu Wortkarten hochhalten
  • Schatzkiste: „Unser Wort-Schatz!“, gemeinsame Kartensammlung erstellen – welche Wörter kommen öfter vor?
  • handlungsbegleitendes Sprechen zum Einstieg ins Philosophieren: Ich nehme mein Kissen, lege es in den Kreis und setze mich drauf. Ich zünde die Kerze an. Ich nehme den Wuschel. Ich spreche mit euch.
  • Alle Sprachen mit einbeziehen: wie klingt „lustig“ in deiner Muttersprache?
  • Philosophische Fragestellung übersetzen
  • Zu einer Frage erst Bilder ausschneiden oder malen lassen, dann darüber sprechen
  • Abstimmen mit Gegenständen, z.B. Steine legen
  • Abschluss: gemeinsame Handlungen anregen
  • Mit Begriffen und Bildern arbeiten: Bild- oder Wort-Karten (zum Beispiel aus dem Wertereisekoffer) ohne zu sprechen zueinander sortieren, auf dem Tisch clustern, verschieben, neu ordnen, staunen üben: aha, oh, ach

Weitere Ideen und Tipps von Maria aus der Arbeit an der Förderschule

  • Bilderbuch zu Gefühlen im Kamishibai: Vorhang auf! Nicht digital! 😀
  • Tedimero (betzold, kann man auch ausprobieren und behalten!) zum Wortschatz lernen
  • Satzstarter in die Mitte legen: „Ich werde geliebt von…“ (Muttersprache + Tedimero) – einfach mal nachdenken dürfen und hinspüren, sich sprachlich einbringen kommt mit der Zeit! Zutrauen behalten
  • Feste Aufgaben (Klangschale, Vorhang aufziehen …) vergeben ist auch Integration!
  • abwechslungsreiche Arbeitsblätter erstellen mit zeichnen, ankreuzen und schreiben (Worksheetcrafter, Schullizenz)
  • oder per App: ship.qr (statt Tedimero, auch für Kinder mit Schreibproblemen), mit Kopfhörer
  • Hörgeschichten über onilo.de
  • oder per App: polylino (über 70 verschiedene Sprachen)

Viel Spaß beim Ausprobieren! Schreib uns, wenn du schöne Geschichten mit deiner Zielgruppe erlebst oder Fragen an uns hast. akdemie@philoophische-bildung.de

 

Hier findest du noch mehr Anregungen aus unserem online-Fomat „Fragen über Fragen“ mit Schwerpunkt Philosophieren in der Mittelschule:

Fragen über Fragen | ein Special – Akademie für Philosophische Bildung und WerteDialog

 

Dieses Wertebündnis Projekt wird gefördert von der Hans Lindner Stiftung und kofinanziert von der Europäischen Union. Mehr Infos unter www.chancengleich.eu

Ein Artikel über Umweltbildung und Philosophieren

Unsere jahrelangen Begleiter Julia Blum-Linke und Sinan von Stietencron beschreiben in einer Ausgabe von ökopädNEWS die Wirkung des Philosophierens in der Bildung für nachhaltigen Entwicklung. Sie zeigen, warum Innehalten, Nachfragen und Weiterdenken so wertvoll ist und wie man es als ein pädagogisches Werkzeug nutzen kann.

Denn auch zu diesem Themenbereich gibt es spannende Fragen, über die philosophiert und nachgedacht werden kann: Wozu gibt es Grenzen? Was ist Müll? Wie kann ich Müll vermeiden? Wie entscheiden Erwachsene über eine Zukunft, in der sie gar nicht mehr leben werden? Warum müssen Menschen Geld bezahlen, um auf der Erde leben zu dürfen? Wie viel Land braucht ein einzelner Mensch im globalen Durchschnitt?

ANU – Arbeitsgemeinschaft Natur- und Umweltbildung

Die Arbeitsgemeinschaft Natur- und Umweltbildung (ANU) ist der bundesweite Zusammenschluss von Einrichtungen, Initiativen und engagierten Einzelpersonen, die sich für Umweltbildung starkmachen. Mehr als 1.000 Mitglieder arbeiten hier zusammen, um Naturerleben, Umweltbewusstsein und nachhaltiges Handeln in die Gesellschaft zu tragen.

Das Magazin ökopädNEWS beleuchtet aktuelle Entwicklungen in der Bildungslandschaft – von Umweltbildung über Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) bis hin zum Globalen Lernen. Dabei richtet sich der Blick auf alle Bildungsbereiche: von der frühen Kindheit über Schule und Hochschule bis hin zu außerschulischen Lernorten und informellen Angeboten. So bleibt die Community stets auf dem Laufenden, welche Trends, Debatten und politischen Entscheidungen die Bildungsarbeit rund um Nachhaltigkeit prägen.

 

Hier gehts zum Artikel: Link zu den ökopädNEWS

 

Mit Kindern philosophieren

Wenn Kinder über Frieden nachdenken

von Maria Mandl

Was ist eigentlich Frieden? Und kann man ihn gewinnen wie ein Spiel? Oder wächst er eher still, irgendwo zwischen zwei Menschen?

Diesen Fragen sind Kinder der Offenen Ganztagsschule Emmering gemeinsam mit Maria Mandl, Referentin der Akademie Philosophieren, im Rahmen des Projektes ChancenGleich- Gemeinsam Vielfalt gestalten nachgegangen. Und wie so oft, wenn Kinder philosophieren, wurde es schnell erstaunlich tief.

Kleine Fragen, große Gedanken

Die Kinder im Alter von sieben bis neun Jahren tauchten mit viel Offenheit in ihre eigenen Gedankenwelten ein. Sie erzählten von sich, von Freundschaften, von Streit und davon, was sie bewegt. Es wurde zugehört, nachgedacht, gelacht und manchmal auch ganz still. Zwischendurch rollten Bälle durch den Raum, denn eine kleine erlebnispädagogische Bewegungsübung half dabei, wieder bei sich und in der Gruppe anzukommen. Denn auch das gehört zum Philosophieren dazu: innehalten, wahrnehmen, weitermachen.

Frieden entdecken

Der Einstieg in das Thema Frieden begann mit einer Bildergeschichte im Kamishibai. Bild für Bild entstanden kleine Szenen:

Menschen, die einander helfen. Tiere, die friedlich nebeneinander leben. Momente, in denen man spüren konnte, wie ruhig und zufrieden jemand gerade ist. Und plötzlich fiel es auf. Auf jeder Seite war sie da. Eine kleine weiße Taube. Still und fast unbemerkt begleitete sie die Geschichte und wurde schließlich selbst zum Gesprächsanlass. Ein Symbol, das mehr sagt als viele Worte.

Fragen, die bleiben

Die Kinder entwickelten ihre ganz eigenen Fragen:

Wie gewinnt man Frieden? Wie funktioniert Frieden? Wie kann ich mit mir selbst friedlich sein? Wie kann man einen Streit mit Frieden klären? Warum gibt es überhaupt Frieden? Es waren Fragen, die nicht beantwortet werden mussten. Sondern Fragen, die Raum öffneten.

Ein Stück Frieden zum Mitnehmen

Zum Abschluss durfte jedes Kind seine eigene Friedenstaube aus Salzteig gestalten. Mit viel Hingabe, kleinen Details und großer Sorgfalt entstanden ganz individuelle Werke. Und auch wenn kein Olivenzweig zur Hand war, in Emmering gibt es eine eigene Lösung: duftende Kiefernzweige vom Pausenhof der Grundschule. Vielleicht passt das sogar besser. Ein Frieden, der aus der eigenen Umgebung wächst.

Kinderstimmen aus den unterschiedlichen Einheiten, die berühren

Und mittendrin diese Sätze, die bleiben:

Wer bin ich?

„Ich bin ein Mensch. Und dann kann ich noch Fußball spielen und ich bin Fan von Ronaldo.“

„Ich kann total gut tanzen und bin kreativ. Manchmal kann ich auch zickig sein, zum Beispiel dann, wenn mich mein kleiner Bruder ärgert.“2

Gibt es jemanden, in den du dich gerne verwandeln würdest?

„Wenn ich mich verwandeln könnte, dann wäre ich gerne Johanna. Sie ist voll schlau und hat immer gute Noten.“

„Ich würde mich in einen Angler oder einen Profi Zocker verwandeln.“

Wenn du dir wünschen könntest, an einem anderen Ort zu leben, wo wäre das?

„Ich würde gerne in Leogang leben. Das ist in Österreich. Da wohnt die Freundin von meiner Mama. Im Winter fällt da immer ganz viel Schnee und die Pferde laufen auf der Wiese rum.“

„Ich bin in Odessa geboren und da würde ich gerne wieder leben.“

„Meine große Schwester ist in Syrien und ich würde gerne wieder bei ihr leben.“

„Ich möchte einfach in Emmering leben, wenn ich mir etwas wünschen könnte. Außer vielleicht ein bisschen näher an meinen Freunden, damit wir uns schneller treffen können.“

Was ist für dich ein Held oder eine Heldin?

„Meine Mama ist eine Heldin, weil sie mich zur Welt gebracht hat.“

„Für mich ist mein Freund ein Held, weil er mir bei einem Streit geholfen hat.“

Was ist Frieden?

„Friedlich fühle ich mich, wenn ich in den Arm genommen werde.

„Für mich ist Streit, wenn man sich schlägt.“
„Ich gehe dann weg, wenn es Streit gibt.“
„Bei Streit fühle ich mich nicht glücklich und irgendwie schlecht.“

So einfach. So klar. So wahr. Vielleicht beginnt Frieden genau hier. Im Zuhören. Im Ernstnehmen. Und in den Gedanken von Kindern.

Dieses Wertebündnis Projekt wird gefördert von der Hans Lindner Stiftung und kofinanziert von der Europäischen Union.
Mehr Infos unter www.chancengleich.eu

Gemeinschaft, Sprache und Selbstwirksamkeit

Erkenntnisse aus einem philosophischen Frauen-Workshop

von Petra Wölfinger 

Im Rahmen des „ChancenGleich – Gemeinsam Vielfalt gestalten“ fand im Gruppenraum Lukassaal der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Ingolstadt – St. Lukas das erste Modul der Workshop-Reihe für Frauen aus Drittstaaten mit insgesamt 6 Workshops á 90 Minuten statt. Die Workshops bieten einen geschützten Rahmen, in dem persönliche und gemeinsame Werte diskutiert werden. Ziel ist es, Ängste und Barrieren abzubauen und die großen Fragen des Lebens aufzugreifen: Was zählt wirklich? Wie wollen wir zusammenleben? Welche Verantwortung tragen wir?

Die Workshop–Reihe öffnet den Raum für die Suche nach individuellen Antworten auf Fragen, die uns alle bewegen. Es stärkt das Gefühl von Zugehörigkeit und ermutigt die Teilnehmerinnen, gemeinsam eine Gesellschaft zu gestalten, in der Vielfalt nicht als Problem, sondern als Quelle für Entwicklung erlebt wird.

Bildkarten in einem Kreis auf dem Boden ausgelegt

Die Teilnehmerinnen nahmen mich von Anfang an in ihre Gruppe auf – sie meldeten mir zurück, dass sie Freude hatten – vor allem an dem ungezwungenen Austausch. Ich denke, das Philosophieren war wichtig um sich selbst hören zu dürfen. Die eigenen Gedanken im Kopf ordnen zu können und Raum zu haben für „Nichts tun müssen“ auch nicht lernen! Der Raum war da fürs Da-Sein – letztendlich auch für mich als Workshopleitung. Die Teilnehmerinnen war sehr aktiv und präsent und die 1,5 Stunden waren schnell vorbei. Wir vergaßen oft die Zeit dabei und saßen noch länger als die eigentliche Workshopzeit zusammen.

„Wir saßen in der Türkei oft mit anderen Frauen zusammen, wir hatten viel Freude miteinander und wir halfen einander. Hier in Deutschland fühle ich mich manchmal verloren. Ich würde gern helfen, damit ich mich gebraucht fühle. Es ist aber schwierig, weil es immer den Druck gibt. Ich weiß oft nicht, wie ich es anstellen soll so zu helfen, dass es nicht aufdringlich wirkt.“ (TN aus der Türkei)

Eine philosophische Frage eines Workshops war: „Muss man eine Sprache perfekt sprechen, um sich zu verstehen?“ Diese führte zu wichtigen Erkenntnissen: Verständigung hängt nicht allein von sprachlicher Perfektion ab, sondern ebenso von der Art der Ausdrucksweise und der Fähigkeit zum genauen Zuhören.

Eine andere philosophische Frage war „Sind wir in Gemeinschaft stärker?“ Die Teilnehmerinnen machten sich Gedanken dazu, was Gemeinschaft für jede Einzelne bedeutet und welche Voraussetzungen notwendig sind, damit Gemeinschaft gelingen kann.

  • Vernetzung war ein großes Thema – wohin kann ich mich wenden mit meinen Fragen, vor allem nach der Workshop-Reihe. Ich brachte einiges an Infomaterial aus der Region mit.
  • Wo liegen meine Stärken und wie setze ich sie gut ein? Das war immer wieder Thema. Auch, was fange ich mit meinem Erfahrungswissen an? Berufsabschlüsse aus der Heimat – oft sind diese schwer vergleichbar mit den Standards in Deutschland (sie sind nicht schlechter – nur anders aber, man fühlt sich dümmer hier – was wollen die Arbeitgeber von uns? Warum sind die Berater*innen von der Agentur für Arbeit so unfreundlich oder sind sie vielleicht gar nicht unfreundlich und wir interpretieren das nur?)
  • Die Frauen erkannten, dass jede Einzelne ihre nächsten Schritte selbst gehen muss. Gleichzeitig wurde deutlich, wie wertvoll Unterstützung durch andere Personen und der gemeinsame Austausch sind. Diese Erkenntnis stärkte die Motivation, aktiv zu werden und Verantwortung für den eigenen Weg zu übernehmen.

„In unserer Heimat war das nicht so wie in Deutschland. Es wurde nie im Bekanntenkreis über die eigenen Befindlichkeiten geredet. Es gilt als Schwäche darüber zu reden. Jeder kämpft für sich.“ (TN aus Finnland)

Mit der Gruppenleiterin, die den INVia Kurs „Leben in Deutschland“ leitete und die mit den Frauen bereits einige Stunden zusammen verbrachte, hatte ich auch schöne Gespräche. Wir überlegten uns, dass ein „zuviel“ an Hilfe nicht unbedingt besser ist. Die Gruppenleiterin: „Einige Frauen sind hier in Deutschland noch wie „verträumte Kätzchen, die ihre Augen noch nicht geöffnet haben. Es ist nicht einfach hier sich im Arbeitsmarkt zu etablieren. Für niemanden. Die Konkurrenz ist groß und man muss sich sehr anstrengen und man braucht Kraft und Ausdauer. Das ist für viele Frauen nicht einfach. Der Druck, den sie hier in Deutschland haben ist ein anderer wie in den Heimatländern. Zuerst ist es „scheinbar einfacher“ – es gibt Kurse und Hilfen werden angestoßen, aber sie müssen alleine durch und Hindernisse stärken nicht nur, manche resignieren auch einfach, wenn es nicht gleich klappt  –  und da ist es gut, diesen Austausch zu haben, miteinander einen Raum zu haben  – leider viel zu kurz….“

“ Ich hatte viele Freunde, die fehlen mir – ich bin oft digital im Austausch mit ihnen aber das ist nicht dasselbe. Es braucht das Anfassen und die gemeinsamen Erlebnisse aus denen Geschichten werden. Erst das ist Leben!“ (TN aus Kolumbien)

 

 

Ein philosophischer Abend zwischen Aufbrechen und Ankommen

Worauf wartest Du?

von Julia Knoblauch

Es ist ein kalter Montagabend im Dezember. Menschen unterschiedlichster Herkunft, Wohnorte, Hautfarben und Sozialisierungen sitzen im Luitpold Salon des Café Luitpold zusammen. In der Mitte des Salons ist ein Stuhlkreis aufgestellt. Die langsam eintrudelnden Gäst*innen beäugen ihn neugierig, setzen sich aber dann doch lieber an den Rand und bestellen sich erste Köstlichkeiten. Dann geht es los: Birgit Magiera (vom Bayerischen Rundfunk), die Moderatorin des Abends, lädt zum gemeinsamen Philosophieren in den Kreis ein.

Zu Beginn setzen sich erst ein paar wenige Mutige in den Stuhlkreis und beginnen das Gespräch. Worauf wartest du? – das ist die Frage des Abends, die wir uns im Rahmen des Projekts ChancenGleich stellen. Erste Gedanken werden ausgetauscht. Unterschiedliche Menschen warten auf unterschiedliche Dinge: auf den Asylantrag, auf besseres Wetter, darauf, dass sich endlich etwas verändert. Plötzlich wagen sich immer mehr Besucher*innen in den Kreis. Eins wird klar: Jeder hat Gedanken dazu und möchte diese im geschützten Raum des Philosophischen Gesprächs teilen.

„Ich habe das Thema des Abends gelesen, und die Spannung zwischen Handeln und Warten berührt mich sehr. Musik auf der Oud bewegt sich genau in diesem Raum: mal Zuhören, mal Initiative, mal ein Ton, mal ein Atemzug, Stille. Es freut mich, Teil eines Abends zu sein, der Menschen zusammenbringt, um Wirklichkeit gemeinsam zu denken und zu gestalten.“ Abathar Kmash 

Immer wieder schwebt die Frage im Raum, worauf wir eigentlich warten – und was uns hindert, einfach loszugehen. Andere Stimmen werfen ein, dass Menschen je nach Herkunft auf ganz andere Dinge warten, sich ganz andere Fragen stellen. Nicht jede*r kann es sich leisten zu warten. Vielleicht ist genau das der Kern dieses Abends: nicht sofort Antworten zu finden, sondern einander zuzuhören. Unterschiedliche Wirklichkeiten nebeneinander stehen zu lassen. Und zu spüren, dass wir mit unseren Fragen nicht allein sind. Der Stuhlkreis wird so zu einem Ort, an dem Warten kein Stillstand ist, sondern Verbindung. Ein Ort, an dem Gedanken in Bewegung kommen.

 

Dieser Wertedialog ist im Rahmen des Projekts ChancenGleich „Gemeinsam Vielfalt gestalten“ entstanden. Dieses Wertebündnis Projekt wird gefördert von der Hans Lindner Stiftung und kofinanziert von der Europäischen Union.

 

Moderatorin Andrea Taubenböck mit Mikrofon auf einer Veranstaltung.

Zwei junge Frauen sitzen nebeneinander im Stuhlkreis, die eine hält ein Mikrofon in der Hand.

Ein Mann sitzt in einem Stuhlkreis und hält ein Mikrofon in der Hand, während er spricht.

Zwei Frauen sitzen nebeneinander im Stuhlkreis, die eine hält ein Mikrofon in der Hand und spricht.

Ein Stuhlkreis mit Menschen, die miteinander ein philosophisches Gespräch führen.

Ein Mann spielt Oud auf einem Event.

Eine Frau sitzt in einem Stuhlkreis und hält lächelnd einen Wuschel in der einen und ein Mikrofon in der anderen Hand.

Ein Junger Mann hält einen Zettel mit einer Philosophischen Frage in der Hand: "Sind wir im warten alle gleich?"

Eine junge Frau hält einen Zettel mit einer Philosophischen Frage in der Hand: "Wie warten wir?"

Ein Nachruf

Nila, du fehlst!

vom Akademie Team

Nila fehlt und wird uns fehlen. Als Philosophin, als Referentin, als Kollegin und als Freundin. Nila Komalasari Schlenker, geboren im April 1963, gestorben im Dezember 2025, ist zu früh und zu plötzlich gegangen. Das ist gar nicht ihre Art, und schon deshalb ist es nicht fassbar. Gerade hat sie noch mit uns im Seminarraum gestanden und unsere Absolvent*innen gefeiert, gerade haben wir zusammen angefangen, die Philosophinnen der Gegenwart ins Licht zu rücken, gerade haben wir noch richtig gelacht und uns fest umarmt und Pläne gemacht und darauf ein Bier getrunken. 

Was war sie denn für ein Mensch? Lebensfreudig, sagen die einen, nachdenklich die anderen. Versöhnend, klug, herzlich, kritisch, professionell, motivierend, echt, originell, witzig, humorvoll, neugierig, zuverlässig, belesen, informiert, nie zu müde für eine weitere Frage und irgendwie auch nie verzweifelt – es gab immer noch eine andere Sicht auf die Dinge, und wenn sie noch so hoffnungslos erschienen. Hinschauen musste man halt, nicht wegschauen.

„Jeder Mensch hat einen humanen Kern in sich“, hat sie mal gesagt. Im Grunde war Nila ein Mensch, wie sie sich selbst „die Menschen“ gewünscht hat: kritisch auch der eigenen Haltung gegenüber, Veränderungen gegenüber offen, dem Anderen grundsätzlich zugewandt, mit der Fähigkeit, wach und genau zu prüfen, was Wahrheit ist und wo die Grenzen überschritten werden, Hilfe anbietend, wo Hilfe gefragt ist, ansonsten dem Gegenüber auch Verantwortung zumutend, Handlungs- und Denkfähigkeit zutrauend – egal ob Kindern oder Erwachsenen gegenüber. Und natürlich sich selbst zumuten, der ganzen Welt. 

Portrait von Nila Schlenker

Sie war gläubige Christin und Philosophin und konnte das wunderbar verbinden: der Glaube war ihr die Voraussetzung für Wissen und Wissenwollen, in der Philosophie hatte sie den Freiraum, alles zu denken über die Festschreibungen der Religion hinaus. Deshalb hat sie vor gut 20 Jahren noch Philosophie studiert. 2018 hat sie die Basis- und die Trainerausbildung für Philosophische Gesprächsführung bei der Akademie begonnen. Ab 2019 hat sie begonnen, für die Akademie Fortbildungen durchzuführen und war schnell aus der ganzen Fortbildungsschiene nicht mehr wegzudenken. 

Jetzt müssen wir sie wegdenken, das wird nicht leicht. Sie war in hunderten von Veranstaltungen für uns als Trainerin und Referentin im Einsatz, für die Basisausbildung, in der Berufungsorientierung an Schulen, beim Kinderphilosophieren oder am Philosophischen Abend. Sie hat uns geholfen, uns zu verbessern, sie hat uns bei der Entwicklung neuer Formate unterstützt. Alle haben mit ihr gerne im Tandem gearbeitet, weil sie immer irgendeinen Twist reinbrachte oder etwas mal anders gemacht hat. Zeit hat für Nila eine nachgeordnete Rolle gespielt. Wenn geredet werden musste, musste geredet werden, egal, ob die Mittagspause schon halb um war. 

Wir zünden in aller Seelenruhe eine duftende Zigarre an und reichen sie im Kreis herum: Nila war und bleibt eine Philosophin für uns, deren Haltung und Gedanken, deren Wärme und Lachen in unsere Arbeit, aber auch in unsere Herzen eingeflossen ist. 

Hier gibt es noch mehr von und über Nila zu lesen.

Philosophieren mit Kindern – Willkommen

„Glaube und Philosophie gehören zusammen”: Evangelisches Gemeindeblatt für Württemberg

 

Über Ordnung

Wer räumt hier eigentlich mal auf?

von Julia Blum

Es gibt ihn wirklich, den Weltaufräumtag. Und ich muss aus aktuellem Anlass meine ganz persönlichen Gedanken dazu loswerden: Meine Tochter zieht um. Also nicht etwa aus, sie bleibt sogar im selben Zimmer – und doch zieht sie um: vom Jugendzimmer in etwas Neues, das sich erst langsam mit dem Ausräumen, Weißeln, Putzen, Aussortieren und Umstellen herausbildet. Quasi eine neue Weltordnung.

„Ist gefühlt mein sechster Weltaufräumtag“, sagt sie. Denn immer, wenn ein Kapitel – Kindheit, Jugend, Freundschaft, Schule – zu Ende geht, räumt sie auf. Von Grund auf wird alles umgedreht, neu sortiert und manches noch einmal gewürdigt, bevor es gehen darf. Aus dem Zimmer, aus dem Leben, könnte man sagen.

Das verrückteste am Aufräumen ist ja: der Zustand danach ist nicht haltbar.

Als Mutter stelle ich fest: Aufräumen ist relativ. Wie unaufgeräumt war es vorher? Wie aufgeräumt ist es nachher? Es macht einen Unterschied, aus welcher Perspektive man das Ganze betrachtet und welchem Zweck es dient. Relativ ist es auch zur Zeit – zur Zeit, die man im Leben grundsätzlich damit verbringt. Zur Zeit, die es braucht, um den gewünschten Zustand zu erreichen. Und natürlich zu der, die der Zustand anhält, wenn man sagt: Jetzt ist es aber aufgeräumt!

Da frage ich mich plötzlich, ob nicht alles, was wir tun, irgendwie unter der Kategorie „Aufräumen“ laufen könnte – im Guten wie im Schlechten. Ein- und aussortieren, ordnen, erfinden, verbessern, effektiver machen, an den richtigen Platz stellen. Zum Beispiel auch: Du hierhin, ich dorthin. Dann hat alles seine Ordnung. Gegen Ansichten oder gegen den Saustall kämpfen – ist das nicht im Grunde das Gleiche? Auch die Natur wird aufgeräumt, nur nennen wir es dann kultivieren.

Welche Bedeutung haben Aufräumen und der aufgeräumte Zustand für das Leben? Welcher Aufwand ist angemessen, welcher Zweck noch vertretbar? Und: Wie viel Zeit will ich eigentlich damit verbringen, Dinge in Ordnung zu bringen und in Ordnung zu halten? Was wäre, wenn ich einfach von jetzt auf gleich damit aufhören würde? Was müsste ich dann annehmen?

Das Verrückteste am ganzen Aufräumen ist ja: Der Zustand danach ist nicht haltbar. Ernüchternd? Vielleicht. Aber so ist es. Gerade WEIL sich Staub sofort wieder bildet, WEIL die Arbeit nie endet, WEIL eine Ordnung von der nächsten – oder vom Chaos – abgelöst wird, macht Aufräumen für mich nur dann Sinn, wenn es als Teil des Weges verstanden wird.

Das sollte man sich öfter mal vor Augen halten. Vor allem als Mutter.

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Von Richtig und Falsch

Muss sich immer alles richtig anfühlen?

von Melissa Liebthal

Ich habe in letzter Zeit das Gefühl, ich mache alles falsch. Dabei weiß ich gar nicht, ob ich es überhaupt richtig machen könnte. Ist das normal? Sich so richtig fehl am Platz fühlen, über einen längeren Zeitraum? Und das, obwohl man seinen Platz vermeintlich schon gefunden hat? So ein Gefühl hatte ich das letzte Mal in der Pubertät. Da war auch gar nichts am richtigen Platz. Jetzt werde ich 23 und so einiges hat einen Platz, aber manches… Ist das die Pubertät 2.0, über die niemand spricht? Wann hört die auf? Ich bin nämlich überhaupt nicht zufrieden damit.

Manchmal ist das Leben komisch. Besonders komisch ist es als junge Erwachsene. Man ist schon älter, aber noch jung. Schlauer und doch irgendwie unwissend. Man hat schon viel gelernt und macht trotzdem noch Fehler. Man ist euphorisch und doch irgendwie traurig. Auf dem Weg, nur nicht ganz sicher, wohin. Irgendwie überfordert, aber voller Hoffnung. Man hat mehr Verpflichtungen, aber ist auch ein Stück freier. Interessiert, aber auch von allem abgelenkt. Müde, aber zu wach fürs Bett. Verliebt, aber nicht bereit für Liebe. Mitten im Geschehen und trotzdem manchmal allein. Im Jetzt, aber mit einem Auge in der Zukunft. In Erinnerungen schwelgend, aber gleichzeitig altes vergessen. Das Leben im Griff, aber jedes Wochenende feiern bis zum Absturz. Jemanden nach Rat fragen und selbst einen haben. Irgendwie faul, aber im Grunde fleißig. Irgendwie die Hauptperson des eigenen Lebens und dennoch ein Mitspieler bei den anderen.

Wir sollen nicht jemand sein, der wir nicht sind, während wir versuchen herauszufinden, wer wir sind.

So viele Gegensätze. Wie soll man sich da festlegen? So viel Unklarheit. Wie kann man da durchblicken? So viel Neues. Und das Alte wird auch mehr. Wo in diesem Spektrum findet sich unsere Wirklichkeit? Die Wirklichkeit, die sich richtig anfühlt. Die Wirklichkeit, die echt ist.

Vielleicht müssen wir gar nicht sofort wissen, was das Richtige ist. Vielleicht hilft es uns auf dem Weg herauszufinden, was unser Wie ist. Wenn ich überfordert bin, wie gehe ich damit um? Wenn ich interessiert bin, wie interessiert bin ich? Wenn ich traurig bin, wie bin ich traurig? Wenn ich Party mache, wie lang? Wenn ich verliebt bin, wie sehr? Wenn ich Hoffnung habe, wieso?

Wenn ich das herausgefunden habe, bin ich vielleicht an einem Punkt, an dem ich meine Balance gut halten kann. Dann bin ich nicht faul oder fleißig. Sondern fleißig, aber gemütlich. Oder faul, aber meiner Verantwortung bewusst. Wach, aber müde vom Tag. Schön, aber nicht immer. Verbunden, als Individuum. Nachdenklich über das Leben, dazwischen Momente mit ausgeschaltetem Kopf.

Vielleicht gibt es dann auch Liebe ohne Angst. Freundschaft mit Leichtigkeit. Handeln, ohne zu bereuen. Ehrlichkeit, ohne sich zu offenbaren. Und: Leben, lebendig. Das bedeutet: aus sich rauskommen, sich erkunden, sich erforschen, entdecken und entfalten. Sich trauen. Sich zurückziehen. Sich blamieren. Sich feiern. An sich glauben. Also ja: es fühlt sich gerade alles falsch an. Doch in dieser Ungemütlichkeit kann ich herausfinden, was sich gut anfühlt.

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Fragen über Fragen | ein Special

Philosophieren in der Mittel- und Förderschule

mit Melanie Wellenhöfer und Petra Wölfinger

Bei unserer letzten online-Stunde „Fragen über Fragen“ ging es um das Philosophieren unter herausfordernden Umständen wie Unruhe, zu große Gruppen, Konzentrationsschwierigkeiten oder kein Interesse. Was tun, lautete die Frage, wenn Philosophieren nicht „einfach läuft“?

Du konntest nicht dabei sein? Die kostenlose Fragestunde zum Philosophieren in der Mittel- und Förderschule wiederholen wir im Herbst! Sobald er feststeht, findest Du den Termin auf unserer Veranstaltungsseite.

Die Fragen der Teilnehmenden und ein paar Antworten von unseren Fachleuten findet Ihr hier:

Wie erhalte ich die Konzentration aufrecht?

  • Uhrzeit beachten: Nachmittags ist nicht immer die beste Zeit zum Philosophieren
  • Beziehungsebene berücksichtigen: Wie oft wird philosophiert? Kennt man die Gruppe gut, sieht man sie nur selten?
  • Was brauchen die Kinder/Jugendlichen? – die Frage sollte an die Gruppe gestellt werden
  • Wahrnehmen, nachfragen, auch: „Wie wär’s mit… (z.B. einer Pause) … – würde Euch das helfen?“
  • Bogen zum Philosophieren schlagen: „Was würdet Ihr jetzt lieber tun? Fußballspielen? Warum würde Euch das besser gefallen? Wie fühlt sich das Gefühl an? Kann Nachdenken auch solche Gefühle erzeugen? Wann? Welche Fragen interessieren Euch fast so sehr wie Fußballspielen? Wo erleben wir Leidenschaft/Spaß/Kraft/Bewegung?“
  • Auflockerungsübungen oder Live-Kinetik einschieben
  • Übungen aus der Theaterpädagogik und Improvisation einfließen lassen
  • In Bewegung philosophieren: eine Frage – ein Schritt, eine Antwort – ein Schritt o.Ä.
  • Wahrnehmungsübungen aus der Achtsamkeit, auch in Bewegung
  • Kleine Pause
  • Nüsse, Äpfel, Wasser

Wie kann ich mich mit Kindern auf Begrifflichkeiten einigen?

  • Bilderbuch als Hinführung (Bsp. „Mutig, mutig“ – Was ist Mut?)
  • Wie wichtig ist es, sich auf einen Begriff zu einigen? Oder wann ist es wichtig?
  • Aussagen wie „Da weiß ich nix…“ entgegnen: „Und was wäre, wenn Du es wissen würdest?“ (nimmt Druck raus & zeigt Neugierde und Interesse)

Wie können Sprachbarrieren umgangen werden?

  • Vielheit der Deutungsmöglichkeiten entstehen und stehen lassen
  • Nach Möglichkeit aber Zusammenhänge aufzeigen
  • „Nicht-immer-sprechen-müssen“ zulassen, Stille aushalten
  • Begriffe oder Gefühle zeichnen, statt sprechen
  • Translater bei Jugendlichen einsetzen
  • Am Ende Notiz-Zettel schreiben, auf denen das Wichtigste für einen selbst notiert oder gezeichnet wird (für die eigene Hosentasche)

Wie kann ich Kinder methodisch mit einbeziehen, wenn sie sich sprachlich nicht flüssig ausdrücken können?

  • Nachfragen: „Hab ich Dich richtig verstanden: …?“
  • Paraphrasieren und spiegeln
  • „Stärkere“ mit „Schwächeren“ zusammen in kleineren (Murmel-)Gruppen aufeinandertreffen lassen
  • Stimme hören & klingen lassen
  • Mit Sprache und Sprechen spielen lassen
  • Lautmalereien oder Geräusche erfinden, die signalisieren: Ich habe nicht verstanden, Etwas langsamer bitte, Ich habe eine Frage an Dich, Bitte eine andere Frage etc. …
  • Wörter gemeinsam sprechen, melodisch mit Sprache arbeiten
  • Haltung der philosophischen Moderation bei Jüngeren oder Kindern mit niedrigem Sprachniveau: „Die sind sprachlich noch nicht festgelegt, das ist wunderbar!“ und z.B. Gedankenexperiment anregen wie: „Stellt Euch vor, es gäbe noch keine Wörter, keine Sprache, wie würden wir uns ausdrücken?“ -> Lieder, Standbilder, Sketche, Farben, Masken, Grimassen …

50% sind interessiert, 50% toben – was tun?

  • Was brauchen die Tobenden?
  • Körperlich werden, in den Körper kommen
  • Gemeinsam Regeln erarbeiten
  • Bedürfnis nach „ihren“ philosophischen Fragen erforschen
  • Kleine(re) Gruppen
  • Innere Dynamiken „aufbrechen“ und Grüppchenbildung verhindern, z.B. mithilfe von Spielen oder Auslosungen, die eine zufällige Sitzordnung ergeben

Wie kann ich gut einen Abschluss moderieren? Auch, wenn das Gespräch eigentlich noch nicht beendet ist?

  • Signalisieren: die Zeit läuft langsam ab (Sanduhr)
  • Mitschreiben, was noch offen ist, für nächstes Mal – nichts Wertvolles verlieren/verloren geben
  • Haltung: „Denken hört nie auf“ – alle notieren, was ihnen „noch“ wichtig ist

 

Wir freuen uns über Eure Kommentare und auch über weitere Tipps!