Braucht es Grenzen für Offenheit?

Online WerteDialog über Freiheit, Grenzen und Sicherheit

von Julia Blum

Es war der Abend, an dem es endlich regnen sollte. Und wie. Über München zog ein Blitzgewitter, das mit einem Schlag sogar das Internet lahmlegte. Als ich mich wieder einloggen konnte, waren alle anderen noch immer am Philosophieren – und sie wären auch ohne mich noch eine ganze Weile bei der Frage geblieben.

Wann warst du das letzte Mal überraschend offen für jemanden oder etwas? – Auf die Einstiegsfrage erinnerten sich die Teilnehmer*innen an ganz unterschiedliche Momente: die erste Einschätzung einer Person plötzlich noch einmal überprüft zu haben; „Ja“ gesagt zu haben, wo man gewohnheitsgemäß „Nein“ sagen würde, und sich plötzlich beim Tanzen wiedergefunden zu haben; in einer Situation nachzufragen, in der Wegsehen normal gewesen wäre, und dafür eine nette Begegnung geschenkt bekommen zu haben; in einer Ohnmachtssituation KI-Vorschläge zur Lösung eines unlösbaren Problems ausprobiert zu haben; sich anerkennend der eigenen Vergangenheit zugewandt zu haben; Dinge ausprobiert zu haben, die man sich selbst nicht zugetraut hätte.

Im Kontext des Projekts ChancenGleich – unserem Projekt für mehr Vielfalt und Teilhabe in der Gesellschaft – war einige Wochen zuvor die zentrale Frage des Abends aufgekommen: Braucht es Grenzen für Offenheit? Es ging um Begegnung, um Toleranz, um Akzeptanz und Respekt dem oder den „Anderen“ gegenüber. Wo setzen wir die Grenzen unserer Offenheit? Und warum gerade dort? Über welche Art von Offenheit sprechen wir eigentlich? Sind wir Menschen gegenüber offen – ihrer Kultur oder ihren Meinungen gegenüber aber nicht? Die Frage brannte mir im Herzen.

Im philosophischen Gespräch, an dem Menschen zwischen 20 und 70 Jahren aus (beinahe) ganz Deutschland und mit sehr unterschiedlichen Wurzeln teilnahmen, suchten wir nach dem Kern der Frage. Geht es beim Grenzenziehen um Sicherheit? Was gilt es dann zu schützen? Die eigene Identität? Das gewachsene Selbstbild? Die Würde? Oder geht es um Gefühle wie Scham und Angst – und woher kommen sie? Selektieren wir ganz natürlicherweise, weil das menschliche Gehirn sich fokussieren, also auch auswählen muss? Was ist „gut“, was ist „schlecht“? Welche Rolle spielen Traditionen, und wie offen sind wir Veränderungen gegenüber? Wo braucht es Anpassung – und wo ist Schluss damit? Und wie verhält es sich mit der Sprache? Verwenden wir sie ausgrenzend und kontrollierend oder spielerisch und einladend?

Irgendwann kreisten wir um die Beziehung zwischen Offenheit als radikaler Haltung und Orientierungslosigkeit – oder sollten wir nicht doch eher von Freiheit sprechen? Wir entschieden, ein anderes Mal über das Wesen von Grenzen zu philosophieren: wann sie durchlässig und wann sie starr sind, ob man hinter sie zurücktreten kann, wenn man sie einmal überschritten hat, und vieles mehr. Auch die Frage, ob es „das Andere“ vielleicht gar nicht geben muss, nehmen wir mit.

Was für ein Abend. Danke an alle, die sich zugeschaltet und sich so vielen fremden Menschen gegenüber überraschend offen gezeigt haben. Das Wetter hat Abkühlung gebracht – gut für rauchende Köpfe und dampfende Emotionen.

Lust, mal reinzuschauen? Unser philosophischer Online-Abend findet einmal im Monat am Montag Abend statt.

 

 

Dieses Wertebündnis Projekt wird gefördert von der Hans Lindner Stiftung und kofinanziert von der Europäischen Union. Mehr Infos unter www.chancengleich.eu

 

Was verbindet uns?

Philosophieren in der OGTS

von Ella Stohrer

Im Mittelpunkt stand das Buch „Alle Menschen“ von Elise Gravel (Carl Hanser Verlag), das die Kinder abwechselnd vorgelesen haben. Das Buch beschäftigt sich mit einer wichtigen Frage: Was verbindet uns Menschen eigentlich?

Gemeinsam stellten wir fest, dass wir uns in vielen Dingen ähneln. Obwohl jeder Mensch unterschiedlich ist und unterschiedliche Dinge tut, fühlen wir doch oft ganz ähnlich. Gefühle wie Freude, Traurigkeit, Wut oder Dankbarkeit kennen wir alle. Genau das verbindet uns besonders stark. 

Manchmal schämen wir uns, fühlen uns unsicher oder nicht mutig genug. Auch diese Momente kennen viele von uns. Gerade darin zeigt sich, wie sehr wir Menschen miteinander verbunden sind.

Im Gespräch fragten wir die Kinder:
Welche Gefühle kommen im Buch vor? Was verbindet euch noch miteinander?

Die Kinder nannten viele spannende Gedanken: Unser Körper ist ähnlich aufgebaut, Gefühle kennen wir alle – auch wenn wir sie nicht immer gleichzeitig oder auf die gleiche Weise erleben. Manchmal fühlen wir ähnlich, weil wir Gemeinsamkeiten haben, manchmal ganz unterschiedlich. Dabei entstand ein schöner Gedanke: Wir Menschen sind wie Spiegel füreinander. So wie wir miteinander umgehen, kommt es oft auch zu uns zurück.

Ein weiteres wichtiges Thema war das Setzen von Grenzen. Ein Kind sagte:
„Mir ist wichtig, dass jemand akzeptiert, wenn ich Nein sage.“

Darüber kamen wir ins Gespräch darüber, wie wichtig es ist, miteinander zu reden und die Grenzen anderer Menschen zu respektieren. Die Kinder verstanden schnell: Jeder Mensch hat eigene Grenzen, und diese verdienen Verständnis und Achtung.

Besonders lebendig wurde es bei unserem Gefühlespiel. Die Kinder zogen Gefühlskarten, erklärten ihre Gefühle und malten passende Bilder dazu an die Tafel. Die anderen Kinder durften raten, um welches Gefühl es sich handelt. Anschließend bekamen die Kinder eine kleine „Hausaufgabe“: Sie sollten im Alltag darauf achten, wo ihnen dieses Gefühl begegnet – bei sich selbst oder bei anderen Menschen.

Mit großer Begeisterung machten alle mit. Jedes Kind wollte sein Gefühl vorstellen, malen und vorlesen. Niemand wollte ausgeschlossen werden – alle wollten Teil der Gemeinschaft sein. Die Gruppe war aufmerksam, offen und voller Freude dabei.

Am Ende kamen wir gemeinsam zu einem schönen Ergebnis:
Es sind unsere Gefühle, die uns als Menschen verbinden und uns stark machen.

Auch in der zweiten Gruppe entstanden berührende Gespräche. Max las einen Teil des Buches besonders toll vor. Danach sprachen wir darüber, was Gefühle mit uns machen.

Ein Kind sagte:
„Gefühle helfen mir.“

Ein anderes meinte:
„Mir helfen sie nicht.“

Daraufhin fragten wir gemeinsam:
„Welches Gefühl hilft dir denn nicht?“

Die Antwort lautete:
„Wenn ich wütend bin. Dann bekomme ich Ärger.“

Gemeinsam überlegten wir weiter:
Wann entsteht Wut eigentlich?

Die Kinder erkannten schnell:
Wut entsteht oft dann, wenn etwas ungerecht ist.

So entstand ein wichtiger Gedanke: Wut ist nicht einfach schlecht. Sie kann uns zeigen, dass etwas unfair ist. Problematisch wird sie erst dann, wenn wir anderen damit wehtun. Deshalb sammelten die Kinder Ideen, wie man Wut ausdrücken kann, ohne jemanden zu verletzen.

Ein Vorschlag lautete:
„Indem wir gemeinsam etwas gegen die Ungerechtigkeit tun.“

Dieser Gedanke war besonders berührend und zeigte, wie einfühlsam und klug Kinder über Gefühle und Zusammenleben nachdenken können.

Das gemeinsame Philosophieren war wieder eine wertvolle Erfahrung – voller Offenheit, ehrlicher Gedanken und echter Begegnungen.

 

Ein Mädchen malt mit Kreide etwas an eine Tafel.

Ein Junge mal mit Kreide ein Tier auf die Tafel im Klassenzimmer.

An der Tafel sind Kinderzeichnungen zu "Wut" und "Entschuldigung"

Was macht mich einzigartig?

Philosophieren in der OGTS

In der OGTS haben wir erneut gemeinsam mit Silvija philosophiert.

Dieses Mal drehte sich alles um das spannende Thema „Ich bin einzigartig“. In beiden Gruppen schauten die Kinder aufmerksam ein passendes Video an und waren von Anfang an interessiert und begeistert dabei.

Im anschließenden Gespräch fassten die Kinder zusammen, was sie gesehen hatten. Schnell wurde deutlich, dass es um die Einzigartigkeit jedes Menschen ging. Aussagen wie „Jeder kann etwas besonders gut“ oder „Jeder ist auf seine Weise unersetzbar“ wurden von den Kindern selbst eingebracht. Gemeinsam überlegten wir außerdem, welche besonderen Eigenschaften andere Kinder haben und was jeden Einzelnen ausmacht.

Besonders schön war unsere Gesprächsrunde mit der Gesprächsmaus: Jedes Kind durfte zu jedem anderen Kind etwas Positives sagen. Die Kinder hörten aufmerksam zu, machten engagiert mit und es war ihnen wichtig, dass wirklich jeder etwas Wertschätzendes über sich hören durfte. Obwohl die Runde viel Zeit in Anspruch nahm, wollten die Kinder sie unbedingt so durchführen. Man merkte deutlich, wie gut ihnen diese Form des Austauschs tat.

Die Kinder genießen es sehr, über ihre eigenen Stärken zu sprechen und gleichzeitig zu hören, was andere an ihnen schätzen. Diese Gespräche kommen bei ihnen sehr gut an und viele Gedanken nehmen sie mit nach Hause.

Besonders berührend waren Aussagen wie:
„Meine Frisur macht mich einzigartig.“
„Mein Fingerabdruck ist nur meiner.“
„Meine Familie gehört nur zu mir.“
„Mich gibt es nur einmal.“
Oder auch: „Besonders ist, dass ich so bin, wie ich bin.“

Zum Abschluss malten die Kinder Bilder von sich selbst und davon, wie sie sich sehen. Dabei hatten sie viel Freude und konnten ihre Gedanken kreativ ausdrücken.

Kinder sitzen auf dem Boden mit Stiften und Papier und malen.

Theaterstück in der OGTS Emmering

Ein aufregender Abschluss voller Fragen, Mut und Applaus

Am 21. April 2026 war es endlich so weit: Unsere Abschlussfeier im Rahmen des Projekts ChancenGleich fand in der OGTS Emmering statt – und dieser Tag war für uns alle etwas ganz Besonderes!

In den vergangenen Monaten haben wir gemeinsam mit den Kindern der Himbeer-Gruppe philosophiert, diskutiert, gelacht und nachgedacht. Dabei beschäftigten uns viele spannende Fragen:

  • Was ist ein guter Freund?
  • Wie wirken Worte auf uns?
  • Wie fühlt es sich an, Freude zu teilen?
  • Haben Tiere Rechte?
  • Warum feiern wir Feste?

Mit großer Neugier gingen die Kinder diesen Fragen auf den Grund. Gemeinsam lasen wir Geschichten, tauschten Meinungen aus und hörten einander aufmerksam zu. Besonders begeistert hat uns das Bilderbuch „Ich bin der Stärkste im ganzen Land“ von Mario Ramos (Beltz Verlag).

Darin zieht ein selbstbewusster Wolf durch den Wald und fragt alle Tiere und Märchenwesen, denen er begegnet:

„Wer ist der Stärkste im ganzen Land?“

Und tatsächlich antworten ihm fast alle volle Angst oder Respekt:

„Ihr seid der Stärkste im ganzen Land, Herr Wolf!“

Doch dann begegnet der Wolf dem kleinen Kröterich – und plötzlich wird alles anders …

Gemeinsam mit den Kindern stellten wir uns viele spannende Fragen: Ist der Wolf wirklich stark? Bedeutet Stärke, dass andere Angst vor einem haben? Warum sagen die Tiere, dass der Wolf der Stärkste ist? Wollen sie ihm gefallen – oder fürchten sie sich vor ihm? Und was bedeutet „wahre Stärke“ eigentlich?

Diese Gespräche waren unglaublich spannend und berührend. Die Kinder hatten viele verschiedene Gedanken – und genau daraus entstand schließlich eine wunderbare Idee: Warum nicht ein Theaterstück daraus machen?

Gesagt, getan!

Nach unseren gemeinsamen Philosophieeinheiten im Januar und Februar beschlossen wir, das Märchen als Theaterstück einzuüben und in der OGTS aufzuführen. Die Vorbereitungen begannen – und die Aufregung stieg von Woche zu Woche! Die Kinder lernten fleißig ihre Rollen auswendig. Besonders die Rolle des Wolfs hatte es in sich: ganz schön viel Text! Aber mit Mut, Teamgeist und viel Übung haben die Kinder es großartig gemeistert.

Ein riesiges Dankeschön geht auch an Anja, die uns tatkräftig unterstützt hat. Sie hat uns geholfen, wunderschöne Masken zu basteln und sie hat sogar die Mützchen für die sieben Zwerge genäht. Mit viel Kreativität und Herz entstand so eine zauberhafte Theaterwelt.

Dann kam endlich der große Moment: die Aufführung!

Eltern, Schülerinnen und Schüler sowie einige Lehrkräfte waren gekommen, um das Theaterstück anzuschauen. Die Kinder waren natürlich sehr aufgeregt – doch sobald das Stück begann, spielten sie mit voller Begeisterung und ganz viel Mut.

Und am Ende?

Großer, verdienter Applaus für alle! Zum Abschluss wurden die Teilnahmebestätigungen überreicht und gemeinsam Muffins gegessen. Es gab viele stolze Gesichter und sogar Glückstränen.Dieser Tag hat uns wieder gezeigt, wie wichtig es ist, Kindern Raum zum Nachdenken, Fragenstellen und gemeinsamen Gestalten zu geben.

Und jetzt seid ihr dran:

Was bedeutet „wahre Stärke“ für euch?

Liebe Grüße

Eure Ella

Jonglieren mit Fragen

Vertiefung nach der Basisausbildung

„Philosophy is a way of thinking about certain subjects such as ethics, thought, existence, time, meaning and value. … The aim is to deepen understanding. The hope is that by doing philosophy we learn to think better, to act more wisely, and thereby help to improve the quality of all our lives.“ The Philosophy Foundation

„To deepen understanding.“ Also das Verstehen zu vertiefen. Genau das ist im Seminar „Jonglieren mit Fragen“ passiert. Theres und Daniel haben uns entführt in eine Tiefsee des Denkens. Wie geht Philosophieren? Was sind gute Fragen, also Fragen, die dahin führen, wo ich etwas Neues lernen oder zutage fördern kann? 

The Philosophy Foundation beschreibt Philosophieren mit 4 Worten: responsiveness, reflection, reason und re-evaluation. Dabei liegt der Fokus im Denken eher auf der Frage „Ergibt es Sinn?“ als auf der Frage „Ist es wahr?“. Erstere zielt auf die Logik und Bedeutung, letztere eher auf die Fakten. Eine gute Frage, so die Foundation, berührt immer eine philosophische Disziplin wie die Metaphysik oder Erkenntnistheorie, und sie darf grundsätzlich den Zustand der Aporie, also der gesunden Verwirrung ermöglichen…

Der Einblick in den Ansatz der Londoner Kollegen und Kolleginnen ist hilfreich und unbedingt notwendig als ein Blick über den Tellerrand. Es gibt bezeichnende Unterschiede zur Akademie, die inspirierend sind, und auch Gemeinsamkeiten. Mit Sicherheit ist die Atmosphäre bei der Foundation britischer und kühler als im barocken Süden, wo, am Donnerstag, viel gelacht und gewärmt wurde. Aber die Intention ist die gleiche: das Denken aufschließen, besser verstehen, weiser handeln lernen und helfen, das Leben zu verbessern.

Spannend auch der Blick zum Landsmann Ekkehard Martens, der Philosophieren als erlernbare Kulturtechnik bezeichnet. Um mit Kindern zu philosophieren bzw. Kinder zum Philosophieren anzuregen, sollten im Gespräch fünf zentrale philosophische Disziplinen geübt werden: Phänomenologie, Analytik, Hermeneutik, Dialektik und Spekulation können dazu beitragen, das kritische und kreative Denken schon bei Kindern zu fördern. Sie werden, das dürfte euch bekannt vorkommen, durch bestimmte Fragestellungen erschlossen.

Wir würden übrigens noch die Ethik ergänzen, denn gerade für Jugendliche sind ethische Fragestellungen spannend und mit Fragen, Themen, Situationen aus ihrer Lebensrealität, dem Selbst- und Fremdbild verknüpft. Zudem lässt sich die Ethik gut aus den Perspektiven der fünf anderen Disziplinen reflektieren.

Neben der Funktion, philosophische Tätigkeiten zu provozieren, haben Fragen in Interview-Situationen andere Aufgaben, z.B. dem Strom des Erzählenden zu folgen und einzelne Stationen genau zu beleuchten (Was genau? Was dann?); verschiedene Reaktionsmöglichkeiten auf eine Situation zu ergründen (Was wäre wenn?); Gefühle, Gedanken, Erfahrungen einer Person zu erforschen (Wo fühlst du? Wann hast du erlebt?) usf.. Spannend war es, die Verknüpfung zu denken zwischen Interviewtechniken (angeregt durch die Bücher von Carmen Kindl-Beifuß) und dem vertiefenden Nachfragen beim Philosophieren. „Warum-Fragen verflüssigen“ ist auf jeden Fall bei vielen hängen geblieben. Anstatt „Warum hast du das getan?“ etwas neugieriger zu fragen: „Warum erschien dir in der Situation gerade das als der richtige Schritt?“

Fragen können wie Küsse schmecken. Und Philosophieren wie ein Abenteuer. Danke an alle! 

Unser Seminar “Jonglieren mit Fragen“ ist Pflichtseminar für alle Referent*innen der Akademie und richtet sich an alle Absolvent*innen der Basisausbildung.

Philosophieren (fast) ohne Worte

Ein Workshop mit Maria Mandl am 25. März 2026

Was für ein dichter, voller Nachmittag – in jeder Hinsicht: 20 Leute in unserem Seminarraum (wer ihn kennt, weiß, was das bedeutet) und alle brachten Ideen und Erfahrungen mit, aber auch Fragen an unsere Referentin Maria Mandl zum Thema: Kann man auch philosophieren, wenn kaum Worte zur Verfügung stehen? Und wenn ja: wie?

Die Teilnehmenden kamen aus den unterschiedlichsten Berufsfeldern und arbeiten entsprechend mit verschiedenen Zielgruppen: Schulpsychologie, Elternbegleitung, Arbeit mit Blinden und Gehörlosen, Deutschunterricht für (Kinder von) Migrant*innen, Kinderpflege, Arbeit in Förder- oder Mittelschulen oder auch an der Uni mit Studierenden fürs Grundschullehramt. Sie alle arbeiten mit Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen, die auf die eine oder andere Weise nur wenig Worte für den Ausdruck ihrer Gedanken und Gefühle zur Verfügung haben.

Maria Mandl, Sonderpädagogin mit Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung, Schulpsychologin und Gesprächsleitung fürs Philosophieren mit Kindern und Jugendlichen, sprach von der „Herausforderung Sprache“ in Bezug auf verschiedene Formen der Sprachstörung wie auch über Mehrsprachigkeit und Deutsch als Zweitsprache. Ihr Fazit nach vielen Jahren Praxiserfahrung: Philosophieren hilft! – Aber wie eigentlich?

Was bewirkt Philosophieren?

Maria Mandl meint: sehr viel! Es befördert

  1. Selbstreflexion und Identitätsentwicklung,
  2. Perspektivübernahme und Empathie,
  3. Sprachliche Entwicklung und Ausdrucksfähigkeit,
  4. Stärkung von Selbstwirksamkeit,
  5. Soziale Kompetenz und Gesprächskultur und
  6. Kognitives Denken und Problemlösefähigkeit.

Gerade Menschen mit wenig Sprache erleben oft sehr stark: Ich gehöre dazu. Ich darf auf meine Weise denken. Ich werde verstanden auch ohne viele Worte. Und das geschieht beim Philosophieren über Beziehung und Resonanz, natürlich auch über Körpersprache und Ausdruck, über das gemeinsame Tun und Erleben, teilweise in Stille und immer mit Zeit.

Gemeinsam baut die Gruppe einen geschützten Raum. Rituale signalisieren: Ab jetzt geht es ums Philosophieren! – und schaffen Verbundenheit. Die Teilnehmenden helfen sich gegenseitig sprachlich, jede Frage darf gestellt werden, alles was gesagt wird, darf hinterfragt werden – das alles führt mit einer gewissen Regelmäßigkeit zu Vertrauen, Zugehörigkeit und Gemeinsinn.

Die klassischen philosophischen Tätigkeiten – Perspektivwechsel, Spiegeln, Paraphrasieren, Begriffsklärung, Beispiele geben etc. – tragen nicht nur zu gegenseitigem Verstehen bei, sondern stärken die Wahrnehmung der eigenen Gedanken und die eigene Stimme. Ritualisierte Satzanfänge, Bilder oder non-verbale Signale (Handzeichen oder Bilder, Symbole) helfen, Sprache und Sprechen, aber auch Zuhören und Verstehen zu üben. Vertrauen erfordert auch eine Kultur des Austauschs zwischen den verschiedenen „Rollen“ (zum Beispiel Lehrer*in-Schüler*in). Wichtig ist dabei auch, dass die Gesprächsleitung eine reduzierte, klare Sprache benutzt.

Die Workshop-Teilnehmenden sind auf weitere Ideen gekommen:

Kultur, Raum und Anlass – wie finden?

Philosophieren pflegt eine Kultur des Miteinander-Sprechens, macht es zur Gewohnheit. Wir üben uns zu konzentrieren und Interesse für Unbekanntes zu entwickeln. Denken braucht eine gewisse Ausdauer, dafür muss Raum geschaffen werden (Regelmäßigkeit) und ein Anlass erkannt und genutzt werden: Gibt es einen guten Grund für Streit? Wann wird aus Streit Krieg? Wo im Körper fühlst du Wut? Wo Liebe?

Das könnte helfen:

  • Interaktion, freudvolles Begegnen als Anlass: gemeinschaftliches Kochen, Backen, Singen, Tanzen, Gestalten, Spielen – situativ Philosophieren oder über ein gemeinsames Thema: Warum feiern Menschen Feste?
  • Begegnungen in der Natur: in Resonanz mit der Umwelt kommen, der Wirkung nachspüren, Natur als freier, nicht zweckgebundener Raum (wie Klassenzimmer), Körper/Sinne miteinbeziehen – Kann der Baum was fühlen? Kann man die Sprache der Vögel verstehen?
  • Miteinander gehen, pilgern: beim Gehen ist es leichter zu sprechen, über Fragenstellen (z.B. auch die philosophischen Werkzeugfragen) Vertrauen zueinander finden
  • Schule ganz neu betrachten: darf es anders sein? Hinterfragen, Musterbruch, neue Wege beschreiten, gemeinsam überlegen
  • Philosophieren und Handeln: mal aus dem Tun heraus ins Philosophieren kommen; kreativ werden, betrachten, Fragen stellen, dann philosophieren

Wortschatz, Sprachlosigkeit, Sprachstörungen – Kinder können ihre Emotionen nicht ausdrücken

Immer mehr Kinder haben immer weniger Ausdrucksvermögen, insbesondere für komplexere (innere) Vorgänge. Begriffliche Unklarheiten führen auch zu Schwierigkeiten. Und was ist mit den Kindern, die gar nicht sprechen? Im geschützten Raum darf der Wortschatz für den Ausdruck von Gefühlen und Gedanken (die immer vorhanden sind) wachsen und gedeihen. Wir dürfen uns auch fragen: Wie viel Sprache ist notwendig? Vielleicht kann über Handlungen manchmal mehr ausgedrückt werden, insbesondere bei sprachlich heterogenen Gruppen.

Die Sprache ist beeinträchtigt, aber Denken oder Information verarbeiten findet statt! Gerade bei Mehrsprachigkeit müssen wir verstehen: Sprachkompetenz ist nicht gleich Denkkompetenz! Es geht darum, den inneren Monolog anzuregen. Ein Feingefühl zu entwickeln: Was will das Kind mitteilen? Nichtsprachliche Zugänge (Bilder, Musik oder auch Videos wie „Mr. BEAN“) entlasten, die Kinder können teilhaben, ohne (sprachlich) aufzufallen. Sprachbarrieren gibt’s immer, es geht nicht nur um Wörter, sondern um Verständigung. Wie schaffen wir aktiven Wortschatz? Wie kann man den Wortschatz über das Philosophieren erweitern?

Das könnte helfen:

  • Vor Allem: Zeit und Raum fürs Philosophieren und Nachdenken schaffen; Vertrauen aufbauen, kein Leistungsdruck im geschützten Raum, keine Bewertung im schulischen Sinn
  • Erklären über Bilder: Was ist (konkret) auf dem Bild zu sehen? (= Wahrnehmung) Was denkst du über das Bild? Was löst es bei dir für Gedanken aus? (= Interpretation oder Wirkung)
  • Kreative Ideen:
    • Annäherung über eine Fotowand: „Wie siehst du aus, wenn du … bist?“
    • Rollenspiel, emotionale Szenen, Pantomime, Standbilder
    • musikalischer Zugang: was löst die Musik in dir aus? Was fühlst du? Wo fühlst du es?
    • künstlerischer Zugang: Farben für Emotionen finden, die Silhouette eines Menschen ausmalen: Wo sitzt das Glück? Welche Farbe hat es?
  • Begriffe (mit Bezug zur Lebenswelt) kreativ/sinnlich erlebbar machen: z.B. Klang: Wie hört sich Heimat an? Haptik/Bauen: Wie sieht „meine“ Heimat aus, wenn ich sie mit (Legosteinen) baue? Geruch/Geschmack: Wie riecht/schmeckt Heimat? – Austausch: Was siehst du? Was fühlst du? Ist es überall gleich? Gibt es nur eine Heimat – oder mehrere?
  • Sketch-Notes oder Graphic recording: Wortschatz generieren über mitzeichnen
  • Körpersprache nutzen
  • Karten zum Draufzeigen: Gefühlsmonster-Karten mit Wort-Karten kombinieren, Gefühlsfische („Heute bin ich“), „da sein – was fühlst du?“ Postkarten (Hanser), Blitzlicht Kartenst (Beltz), Gefühl auf Packpapier (Mele Brink)
  • Kurze Filme ohne Sprache: z.B. Mr. Bean, dazu Wortkarten hochhalten
  • Schatzkiste: „Unser Wort-Schatz!“, gemeinsame Kartensammlung erstellen – welche Wörter kommen öfter vor?
  • handlungsbegleitendes Sprechen zum Einstieg ins Philosophieren: Ich nehme mein Kissen, lege es in den Kreis und setze mich drauf. Ich zünde die Kerze an. Ich nehme den Wuschel. Ich spreche mit euch.
  • Alle Sprachen mit einbeziehen: wie klingt „lustig“ in deiner Muttersprache?
  • Philosophische Fragestellung übersetzen
  • Zu einer Frage erst Bilder ausschneiden oder malen lassen, dann darüber sprechen
  • Abstimmen mit Gegenständen, z.B. Steine legen
  • Abschluss: gemeinsame Handlungen anregen
  • Mit Begriffen und Bildern arbeiten: Bild- oder Wort-Karten (zum Beispiel aus dem Wertereisekoffer) ohne zu sprechen zueinander sortieren, auf dem Tisch clustern, verschieben, neu ordnen, staunen üben: aha, oh, ach

Weitere Ideen und Tipps von Maria aus der Arbeit an der Förderschule

  • Bilderbuch zu Gefühlen im Kamishibai: Vorhang auf! Nicht digital! 😀
  • Tedimero (betzold, kann man auch ausprobieren und behalten!) zum Wortschatz lernen
  • Satzstarter in die Mitte legen: „Ich werde geliebt von…“ (Muttersprache + Tedimero) – einfach mal nachdenken dürfen und hinspüren, sich sprachlich einbringen kommt mit der Zeit! Zutrauen behalten
  • Feste Aufgaben (Klangschale, Vorhang aufziehen …) vergeben ist auch Integration!
  • abwechslungsreiche Arbeitsblätter erstellen mit zeichnen, ankreuzen und schreiben (Worksheetcrafter, Schullizenz)
  • oder per App: ship.qr (statt Tedimero, auch für Kinder mit Schreibproblemen), mit Kopfhörer
  • Hörgeschichten über onilo.de
  • oder per App: polylino (über 70 verschiedene Sprachen)

Viel Spaß beim Ausprobieren! Schreib uns, wenn du schöne Geschichten mit deiner Zielgruppe erlebst oder Fragen an uns hast. akdemie@philoophische-bildung.de

 

Hier findest du noch mehr Anregungen aus unserem online-Fomat „Fragen über Fragen“ mit Schwerpunkt Philosophieren in der Mittelschule:

Fragen über Fragen | ein Special – Akademie für Philosophische Bildung und WerteDialog

 

Dieses Wertebündnis Projekt wird gefördert von der Hans Lindner Stiftung und kofinanziert von der Europäischen Union. Mehr Infos unter www.chancengleich.eu

Ein Artikel über Umweltbildung und Philosophieren

Unsere jahrelangen Begleiter Julia Blum-Linke und Sinan von Stietencron beschreiben in einer Ausgabe von ökopädNEWS die Wirkung des Philosophierens in der Bildung für nachhaltigen Entwicklung. Sie zeigen, warum Innehalten, Nachfragen und Weiterdenken so wertvoll ist und wie man es als ein pädagogisches Werkzeug nutzen kann.

Denn auch zu diesem Themenbereich gibt es spannende Fragen, über die philosophiert und nachgedacht werden kann: Wozu gibt es Grenzen? Was ist Müll? Wie kann ich Müll vermeiden? Wie entscheiden Erwachsene über eine Zukunft, in der sie gar nicht mehr leben werden? Warum müssen Menschen Geld bezahlen, um auf der Erde leben zu dürfen? Wie viel Land braucht ein einzelner Mensch im globalen Durchschnitt?

ANU – Arbeitsgemeinschaft Natur- und Umweltbildung

Die Arbeitsgemeinschaft Natur- und Umweltbildung (ANU) ist der bundesweite Zusammenschluss von Einrichtungen, Initiativen und engagierten Einzelpersonen, die sich für Umweltbildung starkmachen. Mehr als 1.000 Mitglieder arbeiten hier zusammen, um Naturerleben, Umweltbewusstsein und nachhaltiges Handeln in die Gesellschaft zu tragen.

Das Magazin ökopädNEWS beleuchtet aktuelle Entwicklungen in der Bildungslandschaft – von Umweltbildung über Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) bis hin zum Globalen Lernen. Dabei richtet sich der Blick auf alle Bildungsbereiche: von der frühen Kindheit über Schule und Hochschule bis hin zu außerschulischen Lernorten und informellen Angeboten. So bleibt die Community stets auf dem Laufenden, welche Trends, Debatten und politischen Entscheidungen die Bildungsarbeit rund um Nachhaltigkeit prägen.

 

Hier gehts zum Artikel: Link zu den ökopädNEWS

 

Mit Kindern philosophieren

Wenn Kinder über Frieden nachdenken

von Maria Mandl

Was ist eigentlich Frieden? Und kann man ihn gewinnen wie ein Spiel? Oder wächst er eher still, irgendwo zwischen zwei Menschen?

Diesen Fragen sind Kinder der Offenen Ganztagsschule Emmering gemeinsam mit Maria Mandl, Referentin der Akademie Philosophieren, im Rahmen des Projektes ChancenGleich- Gemeinsam Vielfalt gestalten nachgegangen. Und wie so oft, wenn Kinder philosophieren, wurde es schnell erstaunlich tief.

Kleine Fragen, große Gedanken

Die Kinder im Alter von sieben bis neun Jahren tauchten mit viel Offenheit in ihre eigenen Gedankenwelten ein. Sie erzählten von sich, von Freundschaften, von Streit und davon, was sie bewegt. Es wurde zugehört, nachgedacht, gelacht und manchmal auch ganz still. Zwischendurch rollten Bälle durch den Raum, denn eine kleine erlebnispädagogische Bewegungsübung half dabei, wieder bei sich und in der Gruppe anzukommen. Denn auch das gehört zum Philosophieren dazu: innehalten, wahrnehmen, weitermachen.

Frieden entdecken

Der Einstieg in das Thema Frieden begann mit einer Bildergeschichte im Kamishibai. Bild für Bild entstanden kleine Szenen:

Menschen, die einander helfen. Tiere, die friedlich nebeneinander leben. Momente, in denen man spüren konnte, wie ruhig und zufrieden jemand gerade ist. Und plötzlich fiel es auf. Auf jeder Seite war sie da. Eine kleine weiße Taube. Still und fast unbemerkt begleitete sie die Geschichte und wurde schließlich selbst zum Gesprächsanlass. Ein Symbol, das mehr sagt als viele Worte.

Fragen, die bleiben

Die Kinder entwickelten ihre ganz eigenen Fragen:

Wie gewinnt man Frieden? Wie funktioniert Frieden? Wie kann ich mit mir selbst friedlich sein? Wie kann man einen Streit mit Frieden klären? Warum gibt es überhaupt Frieden? Es waren Fragen, die nicht beantwortet werden mussten. Sondern Fragen, die Raum öffneten.

Ein Stück Frieden zum Mitnehmen

Zum Abschluss durfte jedes Kind seine eigene Friedenstaube aus Salzteig gestalten. Mit viel Hingabe, kleinen Details und großer Sorgfalt entstanden ganz individuelle Werke. Und auch wenn kein Olivenzweig zur Hand war, in Emmering gibt es eine eigene Lösung: duftende Kiefernzweige vom Pausenhof der Grundschule. Vielleicht passt das sogar besser. Ein Frieden, der aus der eigenen Umgebung wächst.

Kinderstimmen aus den unterschiedlichen Einheiten, die berühren

Und mittendrin diese Sätze, die bleiben:

Wer bin ich?

„Ich bin ein Mensch. Und dann kann ich noch Fußball spielen und ich bin Fan von Ronaldo.“

„Ich kann total gut tanzen und bin kreativ. Manchmal kann ich auch zickig sein, zum Beispiel dann, wenn mich mein kleiner Bruder ärgert.“2

Gibt es jemanden, in den du dich gerne verwandeln würdest?

„Wenn ich mich verwandeln könnte, dann wäre ich gerne Johanna. Sie ist voll schlau und hat immer gute Noten.“

„Ich würde mich in einen Angler oder einen Profi Zocker verwandeln.“

Wenn du dir wünschen könntest, an einem anderen Ort zu leben, wo wäre das?

„Ich würde gerne in Leogang leben. Das ist in Österreich. Da wohnt die Freundin von meiner Mama. Im Winter fällt da immer ganz viel Schnee und die Pferde laufen auf der Wiese rum.“

„Ich bin in Odessa geboren und da würde ich gerne wieder leben.“

„Meine große Schwester ist in Syrien und ich würde gerne wieder bei ihr leben.“

„Ich möchte einfach in Emmering leben, wenn ich mir etwas wünschen könnte. Außer vielleicht ein bisschen näher an meinen Freunden, damit wir uns schneller treffen können.“

Was ist für dich ein Held oder eine Heldin?

„Meine Mama ist eine Heldin, weil sie mich zur Welt gebracht hat.“

„Für mich ist mein Freund ein Held, weil er mir bei einem Streit geholfen hat.“

Was ist Frieden?

„Friedlich fühle ich mich, wenn ich in den Arm genommen werde.

„Für mich ist Streit, wenn man sich schlägt.“
„Ich gehe dann weg, wenn es Streit gibt.“
„Bei Streit fühle ich mich nicht glücklich und irgendwie schlecht.“

So einfach. So klar. So wahr. Vielleicht beginnt Frieden genau hier. Im Zuhören. Im Ernstnehmen. Und in den Gedanken von Kindern.

Dieses Wertebündnis Projekt wird gefördert von der Hans Lindner Stiftung und kofinanziert von der Europäischen Union.
Mehr Infos unter www.chancengleich.eu

Gemeinschaft, Sprache und Selbstwirksamkeit

Erkenntnisse aus einem philosophischen Frauen-Workshop

von Petra Wölfinger 

Im Rahmen des „ChancenGleich – Gemeinsam Vielfalt gestalten“ fand im Gruppenraum Lukassaal der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Ingolstadt – St. Lukas das erste Modul der Workshop-Reihe für Frauen aus Drittstaaten mit insgesamt 6 Workshops á 90 Minuten statt. Die Workshops bieten einen geschützten Rahmen, in dem persönliche und gemeinsame Werte diskutiert werden. Ziel ist es, Ängste und Barrieren abzubauen und die großen Fragen des Lebens aufzugreifen: Was zählt wirklich? Wie wollen wir zusammenleben? Welche Verantwortung tragen wir?

Die Workshop–Reihe öffnet den Raum für die Suche nach individuellen Antworten auf Fragen, die uns alle bewegen. Es stärkt das Gefühl von Zugehörigkeit und ermutigt die Teilnehmerinnen, gemeinsam eine Gesellschaft zu gestalten, in der Vielfalt nicht als Problem, sondern als Quelle für Entwicklung erlebt wird.

Bildkarten in einem Kreis auf dem Boden ausgelegt

Die Teilnehmerinnen nahmen mich von Anfang an in ihre Gruppe auf – sie meldeten mir zurück, dass sie Freude hatten – vor allem an dem ungezwungenen Austausch. Ich denke, das Philosophieren war wichtig um sich selbst hören zu dürfen. Die eigenen Gedanken im Kopf ordnen zu können und Raum zu haben für „Nichts tun müssen“ auch nicht lernen! Der Raum war da fürs Da-Sein – letztendlich auch für mich als Workshopleitung. Die Teilnehmerinnen war sehr aktiv und präsent und die 1,5 Stunden waren schnell vorbei. Wir vergaßen oft die Zeit dabei und saßen noch länger als die eigentliche Workshopzeit zusammen.

„Wir saßen in der Türkei oft mit anderen Frauen zusammen, wir hatten viel Freude miteinander und wir halfen einander. Hier in Deutschland fühle ich mich manchmal verloren. Ich würde gern helfen, damit ich mich gebraucht fühle. Es ist aber schwierig, weil es immer den Druck gibt. Ich weiß oft nicht, wie ich es anstellen soll so zu helfen, dass es nicht aufdringlich wirkt.“ (TN aus der Türkei)

Eine philosophische Frage eines Workshops war: „Muss man eine Sprache perfekt sprechen, um sich zu verstehen?“ Diese führte zu wichtigen Erkenntnissen: Verständigung hängt nicht allein von sprachlicher Perfektion ab, sondern ebenso von der Art der Ausdrucksweise und der Fähigkeit zum genauen Zuhören.

Eine andere philosophische Frage war „Sind wir in Gemeinschaft stärker?“ Die Teilnehmerinnen machten sich Gedanken dazu, was Gemeinschaft für jede Einzelne bedeutet und welche Voraussetzungen notwendig sind, damit Gemeinschaft gelingen kann.

  • Vernetzung war ein großes Thema – wohin kann ich mich wenden mit meinen Fragen, vor allem nach der Workshop-Reihe. Ich brachte einiges an Infomaterial aus der Region mit.
  • Wo liegen meine Stärken und wie setze ich sie gut ein? Das war immer wieder Thema. Auch, was fange ich mit meinem Erfahrungswissen an? Berufsabschlüsse aus der Heimat – oft sind diese schwer vergleichbar mit den Standards in Deutschland (sie sind nicht schlechter – nur anders aber, man fühlt sich dümmer hier – was wollen die Arbeitgeber von uns? Warum sind die Berater*innen von der Agentur für Arbeit so unfreundlich oder sind sie vielleicht gar nicht unfreundlich und wir interpretieren das nur?)
  • Die Frauen erkannten, dass jede Einzelne ihre nächsten Schritte selbst gehen muss. Gleichzeitig wurde deutlich, wie wertvoll Unterstützung durch andere Personen und der gemeinsame Austausch sind. Diese Erkenntnis stärkte die Motivation, aktiv zu werden und Verantwortung für den eigenen Weg zu übernehmen.

„In unserer Heimat war das nicht so wie in Deutschland. Es wurde nie im Bekanntenkreis über die eigenen Befindlichkeiten geredet. Es gilt als Schwäche darüber zu reden. Jeder kämpft für sich.“ (TN aus Finnland)

Mit der Gruppenleiterin, die den INVia Kurs „Leben in Deutschland“ leitete und die mit den Frauen bereits einige Stunden zusammen verbrachte, hatte ich auch schöne Gespräche. Wir überlegten uns, dass ein „zuviel“ an Hilfe nicht unbedingt besser ist. Die Gruppenleiterin: „Einige Frauen sind hier in Deutschland noch wie „verträumte Kätzchen, die ihre Augen noch nicht geöffnet haben. Es ist nicht einfach hier sich im Arbeitsmarkt zu etablieren. Für niemanden. Die Konkurrenz ist groß und man muss sich sehr anstrengen und man braucht Kraft und Ausdauer. Das ist für viele Frauen nicht einfach. Der Druck, den sie hier in Deutschland haben ist ein anderer wie in den Heimatländern. Zuerst ist es „scheinbar einfacher“ – es gibt Kurse und Hilfen werden angestoßen, aber sie müssen alleine durch und Hindernisse stärken nicht nur, manche resignieren auch einfach, wenn es nicht gleich klappt  –  und da ist es gut, diesen Austausch zu haben, miteinander einen Raum zu haben  – leider viel zu kurz….“

“ Ich hatte viele Freunde, die fehlen mir – ich bin oft digital im Austausch mit ihnen aber das ist nicht dasselbe. Es braucht das Anfassen und die gemeinsamen Erlebnisse aus denen Geschichten werden. Erst das ist Leben!“ (TN aus Kolumbien)

 

 

Dieses Wertebündnis Projekt wird gefördert von der Hans Lindner Stiftung und kofinanziert von der Europäischen Union.

Ein philosophischer Abend zwischen Aufbrechen und Ankommen

Worauf wartest Du?

von Julia Knoblauch

Es ist ein kalter Montagabend im Dezember. Menschen unterschiedlichster Herkunft, Wohnorte, Hautfarben und Sozialisierungen sitzen im Luitpold Salon des Café Luitpold zusammen. In der Mitte des Salons ist ein Stuhlkreis aufgestellt. Die langsam eintrudelnden Gäst*innen beäugen ihn neugierig, setzen sich aber dann doch lieber an den Rand und bestellen sich erste Köstlichkeiten. Dann geht es los: Birgit Magiera (vom Bayerischen Rundfunk), die Moderatorin des Abends, lädt zum gemeinsamen Philosophieren in den Kreis ein.

Zu Beginn setzen sich erst ein paar wenige Mutige in den Stuhlkreis und beginnen das Gespräch. Worauf wartest du? – das ist die Frage des Abends, die wir uns im Rahmen des Projekts ChancenGleich stellen. Erste Gedanken werden ausgetauscht. Unterschiedliche Menschen warten auf unterschiedliche Dinge: auf den Asylantrag, auf besseres Wetter, darauf, dass sich endlich etwas verändert. Plötzlich wagen sich immer mehr Besucher*innen in den Kreis. Eins wird klar: Jeder hat Gedanken dazu und möchte diese im geschützten Raum des Philosophischen Gesprächs teilen.

„Ich habe das Thema des Abends gelesen, und die Spannung zwischen Handeln und Warten berührt mich sehr. Musik auf der Oud bewegt sich genau in diesem Raum: mal Zuhören, mal Initiative, mal ein Ton, mal ein Atemzug, Stille. Es freut mich, Teil eines Abends zu sein, der Menschen zusammenbringt, um Wirklichkeit gemeinsam zu denken und zu gestalten.“ Abathar Kmash 

Immer wieder schwebt die Frage im Raum, worauf wir eigentlich warten – und was uns hindert, einfach loszugehen. Andere Stimmen werfen ein, dass Menschen je nach Herkunft auf ganz andere Dinge warten, sich ganz andere Fragen stellen. Nicht jede*r kann es sich leisten zu warten. Vielleicht ist genau das der Kern dieses Abends: nicht sofort Antworten zu finden, sondern einander zuzuhören. Unterschiedliche Wirklichkeiten nebeneinander stehen zu lassen. Und zu spüren, dass wir mit unseren Fragen nicht allein sind. Der Stuhlkreis wird so zu einem Ort, an dem Warten kein Stillstand ist, sondern Verbindung. Ein Ort, an dem Gedanken in Bewegung kommen.

 

Dieser Wertedialog ist im Rahmen des Projekts ChancenGleich „Gemeinsam Vielfalt gestalten“ entstanden. Dieses Wertebündnis Projekt wird gefördert von der Hans Lindner Stiftung und kofinanziert von der Europäischen Union.

 

Moderatorin Andrea Taubenböck mit Mikrofon auf einer Veranstaltung.

Zwei junge Frauen sitzen nebeneinander im Stuhlkreis, die eine hält ein Mikrofon in der Hand.

Ein Mann sitzt in einem Stuhlkreis und hält ein Mikrofon in der Hand, während er spricht.

Zwei Frauen sitzen nebeneinander im Stuhlkreis, die eine hält ein Mikrofon in der Hand und spricht.

Ein Stuhlkreis mit Menschen, die miteinander ein philosophisches Gespräch führen.

Ein Mann spielt Oud auf einem Event.

Eine Frau sitzt in einem Stuhlkreis und hält lächelnd einen Wuschel in der einen und ein Mikrofon in der anderen Hand.

Ein Junger Mann hält einen Zettel mit einer Philosophischen Frage in der Hand: "Sind wir im warten alle gleich?"

Eine junge Frau hält einen Zettel mit einer Philosophischen Frage in der Hand: "Wie warten wir?"