Ein junge sitzt im Stuhlkreis und lacht.

Philosophieren (fast) ohne Worte

Ein Workshop mit Maria Mandl am 25. März 2026

Was für ein dichter, voller Nachmittag – in jeder Hinsicht: 20 Leute in unserem Seminarraum (wer ihn kennt, weiß, was das bedeutet) und alle brachten Ideen und Erfahrungen mit, aber auch Fragen an unsere Referentin Maria Mandl zum Thema: Kann man auch philosophieren, wenn kaum Worte zur Verfügung stehen? Und wenn ja: wie?

Die Teilnehmenden kamen aus den unterschiedlichsten Berufsfeldern und arbeiten entsprechend mit verschiedenen Zielgruppen: Schulpsychologie, Elternbegleitung, Arbeit mit Blinden und Gehörlosen, Deutschunterricht für (Kinder von) Migrant*innen, Kinderpflege, Arbeit in Förder- oder Mittelschulen oder auch an der Uni mit Studierenden fürs Grundschullehramt. Sie alle arbeiten mit Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen, die auf die eine oder andere Weise nur wenig Worte für den Ausdruck ihrer Gedanken und Gefühle zur Verfügung haben.

Maria Mandl, Sonderpädagogin mit Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung, Schulpsychologin und Gesprächsleitung fürs Philosophieren mit Kindern und Jugendlichen,  sprach von der „Herausforderung Sprache“ in Bezug auf verschiedene Formen der Sprachstörung wie auch über Mehrsprachigkeit und Deutsch als Zweitsprache. Ihr Fazit nach vielen Jahren Praxiserfahrung: Philosophieren hilft! – Aber wie eigentlich?

Was bewirkt Philosophieren?

Maria Mandl meint: sehr viel! Es befördert

  1. Selbstreflexion und Identitätsentwicklung,
  2. Perspektivübernahme und Empathie,
  3. Sprachliche Entwicklung und Ausdrucksfähigkeit,
  4. Stärkung von Selbstwirksamkeit,
  5. Soziale Kompetenz und Gesprächskultur und
  6. Kognitives Denken und Problemlösefähigkeit.

Gerade Menschen mit wenig Sprache erleben oft sehr stark: Ich gehöre dazu. Ich darf auf meine Weise denken. Ich werde verstanden auch ohne viele Worte. Und das geschieht beim Philosophieren über Beziehung und Resonanz, natürlich auch über Körpersprache und Ausdruck, über das gemeinsame Tun und Erleben, teilweise in Stille und immer mit Zeit.

Gemeinsam baut die Gruppe einen geschützten Raum. Rituale signalisieren: Ab jetzt geht es ums Philosophieren! – und schaffen Verbundenheit. Die Teilnehmenden helfen sich gegenseitig sprachlich, jede Frage darf gestellt werden, alles was gesagt wird, darf hinterfragt werden – das alles führt mit einer gewissen Regelmäßigkeit zu Vertrauen, Zugehörigkeit und Gemeinsinn.

Die klassischen philosophischen Tätigkeiten – Perspektivwechsel, Spiegeln, Paraphrasieren, Begriffsklärung, Beispiele geben etc. – tragen nicht nur zu gegenseitigem Verstehen bei, sondern stärken die Wahrnehmung der eigenen Gedanken und die eigene Stimme. Ritualisierte Satzanfänge, Bilder oder non-verbale Signale (Handzeichen oder Bilder, Symbole) helfen, Sprache und Sprechen, aber auch Zuhören und Verstehen zu üben. Vertrauen erfordert auch eine Kultur des Austauschs zwischen den verschiedenen „Rollen“ (zum Beispiel Lehrer*in-Schüler*in). Wichtig ist dabei auch, dass die Gesprächsleitung eine reduzierte, klare Sprache benutzt.

Die Workshop-Teilnehmenden sind auf weitere Ideen gekommen:

Kultur, Raum und Anlass – wie finden?

Philosophieren pflegt eine Kultur des Miteinander-Sprechens, macht es zur Gewohnheit. Wir üben uns zu konzentrieren und Interesse für Unbekanntes zu entwickeln. Denken braucht eine gewisse Ausdauer, dafür muss Raum geschaffen werden (Regelmäßigkeit) und ein Anlass erkannt und genutzt werden: Gibt es einen guten Grund für Streit? Wann wird aus Streit Krieg? Wo im Körper fühlst du Wut? Wo Liebe?

Das könnte helfen:

  • Interaktion, freudvolles Begegnen als Anlass: gemeinschaftliches Kochen, Backen, Singen, Tanzen, Gestalten, Spielen – situativ Philosophieren oder über ein gemeinsames Thema: Warum feiern Menschen Feste?
  • Begegnungen in der Natur: in Resonanz mit der Umwelt kommen, der Wirkung nachspüren, Natur als freier, nicht zweckgebundener Raum (wie Klassenzimmer), Körper/Sinne miteinbeziehen – Kann der Baum was fühlen? Kann man die Sprache der Vögel verstehen?
  • Miteinander gehen, pilgern: beim Gehen ist es leichter zu sprechen, über Fragenstellen (z.B. auch die philosophischen Werkzeugfragen) Vertrauen zueinander finden
  • Schule ganz neu betrachten: darf es anders sein? Hinterfragen, Musterbruch, neue Wege beschreiten, gemeinsam überlegen
  • Philosophieren und Handeln: mal aus dem Tun heraus ins Philosophieren kommen; kreativ werden, betrachten, Fragen stellen, dann philosophieren

Wortschatz, Sprachlosigkeit, Sprachstörungen – Kinder können ihre Emotionen nicht ausdrücken

Immer mehr Kinder haben immer weniger Ausdrucksvermögen, insbesondere für komplexere (innere) Vorgänge. Begriffliche Unklarheiten führen auch zu Schwierigkeiten. Und was ist mit dem Kindern, die gar nicht sprechen? Im geschützten Raum darf der Wortschatz für den Ausdruck von Gefühlen und Gedanken (die immer vorhanden sind) wachsen und gedeihen. Wir dürfen uns auch fragen: Wie viel Sprache ist notwendig? Vielleicht kann über Handlungen manchmal mehr ausgedrückt werden, insbesondere bei sprachlich heterogenen Gruppen.

Die Sprache ist beeinträchtigt, aber Denken oder Information verarbeiten findet statt! Gerade bei Mehrsprachigkeit müssen wir verstehen: Sprachkompetenz ist nicht gleich Denkkompetenz! Es geht darum, den inneren Monolog anzuregen. Ein Feingefühl zu entwickeln: Was will das Kind mitteilen? Nichtsprachliche Zugänge (Bilder, Musik oder auch Videos wie „Mr. BEAN“) entlasten, die Kinder können teilhaben, ohne (sprachlich) aufzufallen. Sprachbarrieren gibt’s immer, es geht nicht nur um Wörter, sondern um Verständigung. Wie schaffen wir aktiven Wortschatz? Wie kann man den Wortschatz über das Philosophieren erweitern?

Das könnte helfen:

  • Vor Allem: Zeit und Raum fürs Philosophieren und Nachdenken schaffen; Vertrauen aufbauen, kein Leistungsdruck im geschützten Raum, keine Bewertung im schulischen Sinn
  • Erklären über Bilder: Was ist (konkret) auf dem Bild zu sehen? (= Wahrnehmung) Was denkst du über das Bild? Was löst es bei dir für Gedanken aus? (= Interpretation oder Wirkung)
  • Kreative Ideen:
    • Annäherung über eine Fotowand: „Wie siehst du aus, wenn du … bist?“
    • Rollenspiel, emotionale Szenen, Pantomime, Standbilder
    • musikalischer Zugang: was löst die Musik in dir aus? Was fühlst du? Wo fühlst du es?
    • künstlerischer Zugang: Farben für Emotionen finden, die Silhouette eines Menschen ausmalen: Wo sitzt das Glück? Welche Farbe hat es?
  • Begriffe (mit Bezug zur Lebenswelt) kreativ/sinnlich erlebbar machen: z.B. Klang: Wie hört sich Heimat an? Haptik/Bauen: Wie sieht „meine“ Heimat aus, wenn ich sie mit (Legosteinen) baue? Geruch/Geschmack: Wie riecht/schmeckt Heimat? – Austausch: Was siehst du? Was fühlst du? Ist es überall gleich? Gibt es nur eine Heimat – oder mehrere?
  • Sketch-Notes oder Graphic recording: Wortschatz generieren über mitzeichnen
  • Körpersprache nutzen
  • Karten zum Draufzeigen: Gefühlsmonster-Karten mit Wort-Karten kombinieren, Gefühlsfische („Heute bin ich“), „da sein – was fühlst du?“ Postkarten (Hanser), Blitzlicht Kartenst (Beltz), Gefühl auf Packpapier (Mele Brink)
  • Kurze Filme ohne Sprache: z.B. Mr. Bean, dazu Wortkarten hochhalten
  • Schatzkiste: „Unser Wort-Schatz!“, gemeinsame Kartensammlung erstellen – welche Wörter kommen öfter vor?
  • handlungsbegleitendes Sprechen zum Einstieg ins Philosophieren: Ich nehme mein Kissen, lege es in den Kreis und setze mich drauf. Ich zünde die Kerze an. Ich nehme den Wuschel. Ich spreche mit euch.
  • Alle Sprachen mit einbeziehen: wie klingt „lustig“ in deiner Muttersprache?
  • Philosophische Fragestellung übersetzen
  • Zu einer Frage erst Bilder ausschneiden oder malen lassen, dann darüber sprechen
  • Abstimmen mit Gegenständen, z.B. Steine legen
  • Abschluss: gemeinsame Handlungen anregen
  • Mit Begriffen und Bildern arbeiten: Bild- oder Wort-Karten (zum Beispiel aus dem Wertereisekoffer) ohne zu sprechen zueinander sortieren, auf dem Tisch clustern, verschieben, neu ordnen, staunen üben: aha, oh, ach

Weitere Ideen und Tipps von Maria aus der Arbeit an der Förderschule

  • Bilderbuch zu Gefühlen im Kamishibai: Vorhang auf! Nicht digital! 😀
  • Tedimero (betzold, kann man auch ausprobieren und behalten!) zum Wortschatz lernen
  • Satzstarter in die Mitte legen: „Ich werde geliebt von…“ (Muttersprache + Tedimero) – einfach mal nachdenken dürfen und hinspüren, sich sprachlich einbringen kommt mit der Zeit! Zutrauen behalten
  • Feste Aufgaben (Klangschale, Vorhang aufziehen …) vergeben ist auch Integration!
  • abwechslungsreiche Arbeitsblätter erstellen mit zeichnen, ankreuzen und schreiben (Worksheetcrafter, Schullizenz)
  • oder per App: ship.qr (statt Tedimero, auch für Kinder mit Schreibproblemen), mit Kopfhörer
  • Hörgeschichten über onilo.de
  • oder per App: polylino (über 70 verschiedene Sprachen)

Viel Spaß beim Ausprobieren! Schreib uns, wenn du schöne Geschichten mit deiner Zielgruppe erlebst oder Fragen an uns hast. akdemie@philoophische-bildung.de

 

Hier findest du noch mehr Anregungen aus unserem online-Fomat „Fragen über Fragen“ mit Schwerpunkt Philosophieren in der Mittelschule:

Fragen über Fragen | ein Special – Akademie für Philosophische Bildung und WerteDialog

 

Dieses Wertebündnis Projekt wird gefördert von der Hans Lindner Stiftung und kofinanziert von der Europäischen Union. Mehr Infos unter www.chancengleich.eu
0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert