Gemeinschaft, Sprache und Selbstwirksamkeit
Erkenntnisse aus einem philosophischen Frauen-Workshop
von Petra Wölfinger
Im Rahmen des „ChancenGleich – Gemeinsam Vielfalt gestalten“ fand im Gruppenraum Lukassaal der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Ingolstadt – St. Lukas das erste Modul der Workshop-Reihe für Frauen aus Drittstaaten mit insgesamt 6 Workshops á 90 Minuten statt. Die Workshops bieten einen geschützten Rahmen, in dem persönliche und gemeinsame Werte diskutiert werden. Ziel ist es, Ängste und Barrieren abzubauen und die großen Fragen des Lebens aufzugreifen: Was zählt wirklich? Wie wollen wir zusammenleben? Welche Verantwortung tragen wir?
Die Workshop–Reihe öffnet den Raum für die Suche nach individuellen Antworten auf Fragen, die uns alle bewegen. Es stärkt das Gefühl von Zugehörigkeit und ermutigt die Teilnehmerinnen, gemeinsam eine Gesellschaft zu gestalten, in der Vielfalt nicht als Problem, sondern als Quelle für Entwicklung erlebt wird.
Die Teilnehmerinnen nahmen mich von Anfang an in ihre Gruppe auf – sie meldeten mir zurück, dass sie Freude hatten – vor allem an dem ungezwungenen Austausch. Ich denke, das Philosophieren war wichtig um sich selbst hören zu dürfen. Die eigenen Gedanken im Kopf ordnen zu können und Raum zu haben für „Nichts tun müssen“ auch nicht lernen! Der Raum war da fürs Da-Sein – letztendlich auch für mich als Workshopleitung. Die Teilnehmerinnen war sehr aktiv und präsent und die 1,5 Stunden waren schnell vorbei. Wir vergaßen oft die Zeit dabei und saßen noch länger als die eigentliche Workshopzeit zusammen.
„Wir saßen in der Türkei oft mit anderen Frauen zusammen, wir hatten viel Freude miteinander und wir halfen einander. Hier in Deutschland fühle ich mich manchmal verloren. Ich würde gern helfen, damit ich mich gebraucht fühle. Es ist aber schwierig, weil es immer den Druck gibt. Ich weiß oft nicht, wie ich es anstellen soll so zu helfen, dass es nicht aufdringlich wirkt.“ (TN aus der Türkei)
Eine philosophische Frage eines Workshops war: „Muss man eine Sprache perfekt sprechen, um sich zu verstehen?“ Diese führte zu wichtigen Erkenntnissen: Verständigung hängt nicht allein von sprachlicher Perfektion ab, sondern ebenso von der Art der Ausdrucksweise und der Fähigkeit zum genauen Zuhören.
Eine andere philosophische Frage war „Sind wir in Gemeinschaft stärker?“ Die Teilnehmerinnen machten sich Gedanken dazu, was Gemeinschaft für jede Einzelne bedeutet und welche Voraussetzungen notwendig sind, damit Gemeinschaft gelingen kann.
- Vernetzung war ein großes Thema – wohin kann ich mich wenden mit meinen Fragen, vor allem nach der Workshop-Reihe. Ich brachte einiges an Infomaterial aus der Region mit.
- Wo liegen meine Stärken und wie setze ich sie gut ein? Das war immer wieder Thema. Auch, was fange ich mit meinem Erfahrungswissen an? Berufsabschlüsse aus der Heimat – oft sind diese schwer vergleichbar mit den Standards in Deutschland (sie sind nicht schlechter – nur anders aber, man fühlt sich dümmer hier – was wollen die Arbeitgeber von uns? Warum sind die Berater*innen von der Agentur für Arbeit so unfreundlich oder sind sie vielleicht gar nicht unfreundlich und wir interpretieren das nur?)
- Die Frauen erkannten, dass jede Einzelne ihre nächsten Schritte selbst gehen muss. Gleichzeitig wurde deutlich, wie wertvoll Unterstützung durch andere Personen und der gemeinsame Austausch sind. Diese Erkenntnis stärkte die Motivation, aktiv zu werden und Verantwortung für den eigenen Weg zu übernehmen.
„In unserer Heimat war das nicht so wie in Deutschland. Es wurde nie im Bekanntenkreis über die eigenen Befindlichkeiten geredet. Es gilt als Schwäche darüber zu reden. Jeder kämpft für sich.“ (TN aus Finnland)
Mit der Gruppenleiterin, die den INVia Kurs „Leben in Deutschland“ leitete und die mit den Frauen bereits einige Stunden zusammen verbrachte, hatte ich auch schöne Gespräche. Wir überlegten uns, dass ein „zuviel“ an Hilfe nicht unbedingt besser ist. Die Gruppenleiterin: „Einige Frauen sind hier in Deutschland noch wie „verträumte Kätzchen, die ihre Augen noch nicht geöffnet haben. Es ist nicht einfach hier sich im Arbeitsmarkt zu etablieren. Für niemanden. Die Konkurrenz ist groß und man muss sich sehr anstrengen und man braucht Kraft und Ausdauer. Das ist für viele Frauen nicht einfach. Der Druck, den sie hier in Deutschland haben ist ein anderer wie in den Heimatländern. Zuerst ist es „scheinbar einfacher“ – es gibt Kurse und Hilfen werden angestoßen, aber sie müssen alleine durch und Hindernisse stärken nicht nur, manche resignieren auch einfach, wenn es nicht gleich klappt – und da ist es gut, diesen Austausch zu haben, miteinander einen Raum zu haben – leider viel zu kurz….“
“ Ich hatte viele Freunde, die fehlen mir – ich bin oft digital im Austausch mit ihnen aber das ist nicht dasselbe. Es braucht das Anfassen und die gemeinsamen Erlebnisse aus denen Geschichten werden. Erst das ist Leben!“ (TN aus Kolumbien)













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