Braucht es Grenzen für Offenheit?

Online WerteDialog über Freiheit, Grenzen und Sicherheit

von Julia Blum

Es war der Abend, an dem es endlich regnen sollte. Und wie. Über München zog ein Blitzgewitter, das mit einem Schlag sogar das Internet lahmlegte. Als ich mich wieder einloggen konnte, waren alle anderen noch immer am Philosophieren – und sie wären auch ohne mich noch eine ganze Weile bei der Frage geblieben.

Wann warst du das letzte Mal überraschend offen für jemanden oder etwas? – Auf die Einstiegsfrage erinnerten sich die Teilnehmer*innen an ganz unterschiedliche Momente: die erste Einschätzung einer Person plötzlich noch einmal überprüft zu haben; „Ja“ gesagt zu haben, wo man gewohnheitsgemäß „Nein“ sagen würde, und sich plötzlich beim Tanzen wiedergefunden zu haben; in einer Situation nachzufragen, in der Wegsehen normal gewesen wäre, und dafür eine nette Begegnung geschenkt bekommen zu haben; in einer Ohnmachtssituation KI-Vorschläge zur Lösung eines unlösbaren Problems ausprobiert zu haben; sich anerkennend der eigenen Vergangenheit zugewandt zu haben; Dinge ausprobiert zu haben, die man sich selbst nicht zugetraut hätte.

Im Kontext des Projekts ChancenGleich – unserem Projekt für mehr Vielfalt und Teilhabe in der Gesellschaft – war einige Wochen zuvor die zentrale Frage des Abends aufgekommen: Braucht es Grenzen für Offenheit? Es ging um Begegnung, um Toleranz, um Akzeptanz und Respekt dem oder den „Anderen“ gegenüber. Wo setzen wir die Grenzen unserer Offenheit? Und warum gerade dort? Über welche Art von Offenheit sprechen wir eigentlich? Sind wir Menschen gegenüber offen – ihrer Kultur oder ihren Meinungen gegenüber aber nicht? Die Frage brannte mir im Herzen.

Im philosophischen Gespräch, an dem Menschen zwischen 20 und 70 Jahren aus (beinahe) ganz Deutschland und mit sehr unterschiedlichen Wurzeln teilnahmen, suchten wir nach dem Kern der Frage. Geht es beim Grenzenziehen um Sicherheit? Was gilt es dann zu schützen? Die eigene Identität? Das gewachsene Selbstbild? Die Würde? Oder geht es um Gefühle wie Scham und Angst – und woher kommen sie? Selektieren wir ganz natürlicherweise, weil das menschliche Gehirn sich fokussieren, also auch auswählen muss? Was ist „gut“, was ist „schlecht“? Welche Rolle spielen Traditionen, und wie offen sind wir Veränderungen gegenüber? Wo braucht es Anpassung – und wo ist Schluss damit? Und wie verhält es sich mit der Sprache? Verwenden wir sie ausgrenzend und kontrollierend oder spielerisch und einladend?

Irgendwann kreisten wir um die Beziehung zwischen Offenheit als radikaler Haltung und Orientierungslosigkeit – oder sollten wir nicht doch eher von Freiheit sprechen? Wir entschieden, ein anderes Mal über das Wesen von Grenzen zu philosophieren: wann sie durchlässig und wann sie starr sind, ob man hinter sie zurücktreten kann, wenn man sie einmal überschritten hat, und vieles mehr. Auch die Frage, ob es „das Andere“ vielleicht gar nicht geben muss, nehmen wir mit.

Was für ein Abend. Danke an alle, die sich zugeschaltet und sich so vielen fremden Menschen gegenüber überraschend offen gezeigt haben. Das Wetter hat Abkühlung gebracht – gut für rauchende Köpfe und dampfende Emotionen.

Lust, mal reinzuschauen? Unser philosophischer Online-Abend findet einmal im Monat am Montag Abend statt.

 

 

Dieses Wertebündnis Projekt wird gefördert von der Hans Lindner Stiftung und kofinanziert von der Europäischen Union. Mehr Infos unter www.chancengleich.eu

 

ChancenGleich meets Wertebotschafterin

Was ist wichtig für ein gutes Zusammenleben?

In unserem Projekt ChancenGleich bringen wir Menschen, die in Bayern leben, mit zugewanderten oder geflüchteten Menschen ins Gespräch. In unseren kostenlosen Mitmach-Workshops* und öffentlichen WerteDialogen geht es um Verständnis füreinander und um Verständigung über das Miteinander.
Einer dieser Workshops fand im Juni 2025 in München mit Schüler*innen einer Realschule statt. Gemeinsam mit 5. und 6. Klassen haben wir über Zusammenleben, Vielfalt und Fragen wie „Was verbindet uns eigentlich? Welche Werte tragen uns?“ philosophiert.  Die Kinder brachten Erfahrungen aus ihren verschiedenen Heimatkulturen mit und suchten zusammen nach Gemeinsamkeiten.

„Alle Werte die hier liegen, sind ja Demokratie.“

In Kleingruppen von 10 bis 15 Kindern durchliefen die Schüler*innen einen gemeinsamen Prozess: Ausgehend von ihren ganz persönlichen Werten entwickelten sie Schritt für Schritt zentrale Werte für ihre Klassengemeinschaft. Darunter Begriffe wie Respekt, Hilfsbereitschaft oder Demokratie. Beim Philosophieren tauchten Fragen auf wie: Was ist der Unterschied zwischen Respekt und Toleranz? Kann Gerechtigkeit in der Schule überhaupt gelingen – bei Hausaufgaben oder Noten? Und bedeutet Mitbestimmung, dass ich überall mitreden darf?

Eine selbst gebastelte Collage mit Handabdrücken und Werten liegt auf einem Tisch.

„Engagement ist ja auch, dass wir jeden Tag hier in die Schule kommen.“ Schüler*in

Zum Abschluss der Workshopreihe fand ein Schulfamilien-Abend statt, mit Vertreter*innen aus der Schüler*innen-, Eltern- und Lehrerschaft. Die Klassen präsentierten ihre gemeinsam erarbeiteten Werte, und anschließend wurde im großen Kreis weitergedacht: Welche Werte braucht unsere Schulgemeinschaft als Ganzes? Wie wollen wir hier zusammenleben?

„Vielleicht seid ihr ja die neuen Wertebotschafter*innen eurer Schule?!“ Emma

Ein besonderes Highlight des Abends war der Besuch von Emma, einer Schülerin, die im Vorjahr an der bayernweiten Ausbildung zur Wertebotschafterin teilgenommen hatte. Sie berichtete von ihrem Engagement: wie sie an ihrer Schule eigene Workshops konzipiert, Aktionen zur Wertebildung ins Leben ruft und sogar kleine Filme dazu dreht.

Autorinnen des Beitrags: Petra Reuß und Julia Blum

 

*Die Mitmach-Workshops richten sich in erster Linie Menschen aus Drittstaaten, also aus Ländern, die nicht in der EU sind. Workshops gibt es für Kinder, für Jugendliche, junge Erwachsene und für Frauen. Die Workshop-Reihen werden über zwei Jahre veranstaltet. Hier treffen sich Menschen aus verschiedenen Ländern und Kulturen. Zusammen mit Einheimischen denken wir uns Aktionen aus: Kunstaktionen, kleine Kampagnen, Treffs mit Essen und Musik oder soziale Projekte, die für alle offen sind. Aktuelle Infos zum Projekt ChancenGleich findet man z.B. auf unserer Homepage.

**Die Ausbildung zu Wertebotschafter*innen ist eine Initiative vom Kultusministerium. Gemeinsam mit Lehrkräften und dem JFF Institut für Medienpädagogik gestaltet die Akademie hier eine Woche voller abwechslungsreicher Workshops, die Philosophieren, Wertebildung und Projektarbeit verbindet. Infos zu den Wertebotschaftern: Wertebotschafter*innen für Mittelfranken (Blogbeitrag) und Ausbildung Wertebotschafter (ISB)

Philosophieren als Haltung

Der Wertereisekoffer am Förderzentrum für geistige Entwicklung in Kempten

Am 22. Juli 2025 fand am Förderzentrum Tom-Mutters-Schule in Kempten eine Fortbildung im Rahmen des Projekts ChancenGleich statt. Kolleginnen und Kollegen erhielten unter der Leitung von Maria Mandl (Akademie für Philosophische Bildung und WerteDialog) eine praxisnahe Einführung in das Arbeiten mit dem Wertereisekoffer, einer Materialsammlung zur Wertebildung und philosophischen Gesprächsanregung in Schulen.

Nach einem kurzen Einstieg in die Methode des Philosophierens als offenes, dialogisches Bildungsprinzip ging es direkt ins praktische Erleben. Die Teilnehmenden tauchten gleich zu Beginn in eine philosophische Einheit ein. In einer persönlichen Fragerunde per Losverfahren setzten sie sich zunächst mit biografischen Fragen auseinander, die auf Anhieb nicht einfach zu beantworten sind wie:

„Welches Ereignis hat dich in deinem Leben erwachsen werden lassen?“ oder
„Welcher Fehler soll deinen Liebsten erspart bleiben – und warum?“

Diese Offenheit zeigte unmittelbar, wie bedeutsam ein geschützter Raum und verbindliche Gesprächsregeln für philosophische Gespräche sind. Und wie diese Haltung auch in der pädagogischen Praxis wirksam werden kann.

Toleranz: Duldung oder Akzeptanz?

Im thematischen Schwerpunkt des Workshops widmete sich das Kollegium der Frage:

„Was bedeutet wahre Toleranz?“

Im gemeinsamen Philosophieren reflektierten die Teilnehmenden den Begriff vielschichtig: auf privater, partnerschaftlicher, beruflicher, gesellschaftlicher und politischer Ebene. Sie brachten persönliche Erfahrungen ein und näherten sich dem Begriff aus unterschiedlichen Perspektiven. Dabei wurde deutlich, wie schwer sich Toleranz von Begriffen wie Akzeptanz, Duldung oder stiller Zustimmung abgrenzen lässt. Und wie sehr das Verständnis von Toleranz von der Beziehung zum Tolerierten abhängt.

Einigkeit herrschte darüber, dass die Auseinandersetzung mit Werten wie Toleranz sensibel macht für das Gegenüber. So bereitet sie auch auf viele Situationen im schulischen Alltag mit Kindern und Jugendlichen vor, in denen genau diese Haltung gefragt ist.

Im Anschluss stellte die Referentin den Wertereisekoffer vor: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erkundeten die Materialien und entwickelten gemeinsam erste Ideen, wie sich zentrale Werte in den Förderschulalltag auch im Bereich geistige Entwicklung bearbeiten lassen. Wichtig ist hier immer der Blick auf sprachreduzierte Zugänge, nonverbale Ausdrucksformen und lebensnahe Themen.

Philosophieren stärkt die Gemeinschaft

Der Workshop wurde nicht nur als fachlich bereichernd, sondern auch als stärkender Impuls für die Gemeinschaft in der Gruppe erlebt. In der gemeinsamen Reflexion über Werte, Beziehungen und pädagogisches Handeln wurde deutlich, wie viel Potenzial im Philosophieren auch im Kollegium steckt.

Wir danken der Tom-Mutters-Schule für ihre Offenheit, ihr Engagement und das Vertrauen, neue Wege im Denken gemeinsam zu erproben. Der Wertereisekoffer hat hier einen lebendigen Start gefunden mit vielen Impulsen, die Mut machen, Raum schaffen und Kinder wie Erwachsene einladen, über das nachzudenken, was wirklich zählt.

Autorin des Beitrags: Maria Mandl

ChancenGleich: Workshopreihen für Geflüchtete mit Aufenthaltstitel