Eine Geschichte über Frieden

Der Träumer

von Martin Auer

 

Es war einmal ein Mann, der war ein Träumer. Er dachte sich zum Beispiel: Es muss doch

möglich sein, zehntausend Kilometer weit zu sehen. Oder er dachte sich: Es muss doch

möglich sein, Suppe mit der Gabel zu essen. Er dachte: Es muss doch möglich sein, auf

dem eigenen Kopf zu stehen, und er dachte sich:

Es muss doch möglich sein, ohne Angst zu leben.

 

Die Leute sagten zu ihm: ,,Das alles geht doch nicht, du bist ein Träumer!“ Und sie sagten:

,,Du musst die Augen aufmachen und die Wirklichkeit akzeptieren!“ Und sie sagten: ,,Es

gibt eben Naturgesetze, die lassen sich nicht ändern!“

Aber der Mann sagte: ,,Ich weiß nicht… Es muss doch möglich sein, unter Wasser zu

atmen. Und es muss doch möglich sein, allen zu essen zu geben. Es muss doch möglich

sein, dass alle das lernen, was sie wissen wollen. Es muss doch möglich sein, in seinen

eigenen Magen zu gucken.“

Und die Leute sagten: ,,Reiß dich zusammen, Mensch, das wird es nie geben. Du kannst

nicht einfach sagen: Ich will und deswegen muss es geschehen. Die Welt ist, wie sie ist,

und damit basta!“

 

Als das Fernsehen erfunden wurde und die Röntgenstrahlen, da konnte der Mann

zehntausend Kilometer weit sehen und auch in seinen eigenen Magen. Aber niemand

sagte zu ihm: ,,Na gut, du hast ja doch nicht ganz Unrecht gehabt.“ Auch nicht, als das

Gerätetauchen erfunden wurde, so dass man problemlos unter Wasser atmen konnte.

Aber der Mann dachte sich: Na also. Vielleicht wird es sogar einmal möglich sein, ohne

Kriege auszukommen.

 

Quelle

Wenn Hinterfragen stark macht

Gedanken kann man hören. Man kann sie herbei pfeifen, in einen Tornister schichten, auf dem Fußboden ausbreiten und alphabetisch ins Regal sortieren: die albernen, die aufregenden, die bahnbrechenden, die braven, die chaotischen, … Herr Grantig jedenfalls, der Sonderling mit der Schirmmütze, kann das. Frühmorgens schon schlurft er durch die einsamen Gassen, lauscht, pfeift, öffnet den speckigen Ranzen, und wieder legt sich ein Gedanke zu den anderen. Das Einsortieren erfordert dann Herrn Grantigs ganze Aufmerksamkeit.

„Gedanken sind nämlich so gut wie durchsichtig und leicht zu verwechseln.“

Das Kinderbuch „Der Gedankensammler“ gehört zu den Lieblingslektüren von Christophe Rude. Der Leiter der Münchener „Akademie für Philosophische Bildung und WerteDialog“ nutzt solche Werke bei Unterrichtsbesuchen oder Online-Treffen, um Kinder und Jugendliche aller Schularten zum philosophischen Fragen anzuregen. Als Eröffnungsimpuls bietet er stets ein frag-würdiges Sujet. Liest vor, bis sich eine Frage aufdrängt. Dann wird diskutiert: Was sind eigentlich Gedanken? Wie unterscheiden sie sich von Gefühlen?“ Am besten, die Gespräche kreisen um Fragen mit „Lebensweltbezug“, um Gerechtigkeit, Freundschaft, Zeit, Familie.

Der Unterschied zum Alltagsgespräch über solche Begriffe: Es braucht „konzeptuelle Offenheit“. Die Fragen sollten unterschiedliche Standpunkte und auch Antworten zulassen, die nebeneinander stehen bleiben können. Wenn der Politikwissenschaftler und Philosoph das sagt, kommt ihm ein Gedanke, den der trotz seines Namens liebenswürdige Herr Grantig unter „b“ wie „bissig“ einsortieren würde: „Im Schulkontext gibt es oft nur eine richtige Antwort, und als Schüler weiß ich, dass es nur diese eine gibt. So erfährt die Lehrkraft etwas, was sie schon weiß. Und nicht das, was ich denke.“ Dabei, sagt Rude, könnten Lehrer doch mühelos in jedem Fach das philosophische Fragen einbauen.

Es ist normal, unterschiedlich begründete Standpunkte nebeneinander stehen zu lassen.

Beim Philosophieren üben die Kinder aktives Zuhören, Argumentieren, das Wechseln von Perspektiven (Was würde deine Oma sagen?), das Fragen im Sinne eines Zweifels (muss das so sein, würden das alle so sehen?), das Aufdecken von Mehrdeutigkeiten, das Herstellen von Zusammenhängen, das Hinterfragen. Sie erfahren, dass es normal ist, unterschiedlich begründete Standpunkte nebeneinander stehen zu lassen, nicht überzeugen wollen, recht haben zu müssen, wie es in jeder Talkshow allabendlich vorgeführt wird. So wächst Selbstvertrauen. Und irgendwann wird die Gedankensaat aufgehen. Wie im heizbaren Gewächshaus von Herrn Grantig.

Artikel aus dem Magazin des BLLV von Christian Bleher. Zum ganzen Magazin geht es hier.