Ein philosophischer Abend zwischen Aufbrechen und Ankommen

Worauf wartest Du?

von Julia Knoblauch

Es ist ein kalter Montagabend im Dezember. Menschen unterschiedlichster Herkunft, Wohnorte, Hautfarben und Sozialisierungen sitzen im Luitpold Salon des Café Luitpold zusammen. In der Mitte des Salons ist ein Stuhlkreis aufgestellt. Die langsam eintrudelnden Gäst*innen beäugen ihn neugierig, setzen sich aber dann doch lieber an den Rand und bestellen sich erste Köstlichkeiten. Dann geht es los: Birgit Magiera (vom Bayerischen Rundfunk), die Moderatorin des Abends, lädt zum gemeinsamen Philosophieren in den Kreis ein.

Zu Beginn setzen sich erst ein paar wenige Mutige in den Stuhlkreis und beginnen das Gespräch. Worauf wartest du? – das ist die Frage des Abends, die wir uns im Rahmen des Projekts ChancenGleich stellen. Erste Gedanken werden ausgetauscht. Unterschiedliche Menschen warten auf unterschiedliche Dinge: auf den Asylantrag, auf besseres Wetter, darauf, dass sich endlich etwas verändert. Plötzlich wagen sich immer mehr Besucher*innen in den Kreis. Eins wird klar: Jeder hat Gedanken dazu und möchte diese im geschützten Raum des Philosophischen Gesprächs teilen.

„Ich habe das Thema des Abends gelesen, und die Spannung zwischen Handeln und Warten berührt mich sehr. Musik auf der Oud bewegt sich genau in diesem Raum: mal Zuhören, mal Initiative, mal ein Ton, mal ein Atemzug, Stille. Es freut mich, Teil eines Abends zu sein, der Menschen zusammenbringt, um Wirklichkeit gemeinsam zu denken und zu gestalten.“ Abathar Kmash 

Immer wieder schwebt die Frage im Raum, worauf wir eigentlich warten – und was uns hindert, einfach loszugehen. Andere Stimmen werfen ein, dass Menschen je nach Herkunft auf ganz andere Dinge warten, sich ganz andere Fragen stellen. Nicht jede*r kann es sich leisten zu warten. Vielleicht ist genau das der Kern dieses Abends: nicht sofort Antworten zu finden, sondern einander zuzuhören. Unterschiedliche Wirklichkeiten nebeneinander stehen zu lassen. Und zu spüren, dass wir mit unseren Fragen nicht allein sind. Der Stuhlkreis wird so zu einem Ort, an dem Warten kein Stillstand ist, sondern Verbindung. Ein Ort, an dem Gedanken in Bewegung kommen.

 

Dieser Wertedialog ist im Rahmen des Projekts ChancenGleich „Gemeinsam Vielfalt gestalten“ entstanden. Dieses Wertebündnis Projekt wird gefördert von der Hans Lindner Stiftung und kofinanziert von der Europäischen Union.

 

Moderatorin Andrea Taubenböck mit Mikrofon auf einer Veranstaltung.

Zwei junge Frauen sitzen nebeneinander im Stuhlkreis, die eine hält ein Mikrofon in der Hand.

Ein Mann sitzt in einem Stuhlkreis und hält ein Mikrofon in der Hand, während er spricht.

Zwei Frauen sitzen nebeneinander im Stuhlkreis, die eine hält ein Mikrofon in der Hand und spricht.

Ein Stuhlkreis mit Menschen, die miteinander ein philosophisches Gespräch führen.

Ein Mann spielt Oud auf einem Event.

Eine Frau sitzt in einem Stuhlkreis und hält lächelnd einen Wuschel in der einen und ein Mikrofon in der anderen Hand.

Ein Junger Mann hält einen Zettel mit einer Philosophischen Frage in der Hand: "Sind wir im warten alle gleich?"

Eine junge Frau hält einen Zettel mit einer Philosophischen Frage in der Hand: "Wie warten wir?"

Ein Nachruf

Nila, du fehlst!

vom Akademie Team

Nila fehlt und wird uns fehlen. Als Philosophin, als Referentin, als Kollegin und als Freundin. Nila Komalasari Schlenker, geboren im April 1963, gestorben im Dezember 2025, ist zu früh und zu plötzlich gegangen. Das ist gar nicht ihre Art, und schon deshalb ist es nicht fassbar. Gerade hat sie noch mit uns im Seminarraum gestanden und unsere Absolvent*innen gefeiert, gerade haben wir zusammen angefangen, die Philosophinnen der Gegenwart ins Licht zu rücken, gerade haben wir noch richtig gelacht und uns fest umarmt und Pläne gemacht und darauf ein Bier getrunken. 

Was war sie denn für ein Mensch? Lebensfreudig, sagen die einen, nachdenklich die anderen. Versöhnend, klug, herzlich, kritisch, professionell, motivierend, echt, originell, witzig, humorvoll, neugierig, zuverlässig, belesen, informiert, nie zu müde für eine weitere Frage und irgendwie auch nie verzweifelt – es gab immer noch eine andere Sicht auf die Dinge, und wenn sie noch so hoffnungslos erschienen. Hinschauen musste man halt, nicht wegschauen.

„Jeder Mensch hat einen humanen Kern in sich“, hat sie mal gesagt. Im Grunde war Nila ein Mensch, wie sie sich selbst „die Menschen“ gewünscht hat: kritisch auch der eigenen Haltung gegenüber, Veränderungen gegenüber offen, dem Anderen grundsätzlich zugewandt, mit der Fähigkeit, wach und genau zu prüfen, was Wahrheit ist und wo die Grenzen überschritten werden, Hilfe anbietend, wo Hilfe gefragt ist, ansonsten dem Gegenüber auch Verantwortung zumutend, Handlungs- und Denkfähigkeit zutrauend – egal ob Kindern oder Erwachsenen gegenüber. Und natürlich sich selbst zumuten, der ganzen Welt. 

Portrait von Nila Schlenker

Sie war gläubige Christin und Philosophin und konnte das wunderbar verbinden: der Glaube war ihr die Voraussetzung für Wissen und Wissenwollen, in der Philosophie hatte sie den Freiraum, alles zu denken über die Festschreibungen der Religion hinaus. Deshalb hat sie vor gut 20 Jahren noch Philosophie studiert. 2018 hat sie die Basis- und die Trainerausbildung für Philosophische Gesprächsführung bei der Akademie begonnen. Ab 2019 hat sie begonnen, für die Akademie Fortbildungen durchzuführen und war schnell aus der ganzen Fortbildungsschiene nicht mehr wegzudenken. 

Jetzt müssen wir sie wegdenken, das wird nicht leicht. Sie war in hunderten von Veranstaltungen für uns als Trainerin und Referentin im Einsatz, für die Basisausbildung, in der Berufungsorientierung an Schulen, beim Kinderphilosophieren oder am Philosophischen Abend. Sie hat uns geholfen, uns zu verbessern, sie hat uns bei der Entwicklung neuer Formate unterstützt. Alle haben mit ihr gerne im Tandem gearbeitet, weil sie immer irgendeinen Twist reinbrachte oder etwas mal anders gemacht hat. Zeit hat für Nila eine nachgeordnete Rolle gespielt. Wenn geredet werden musste, musste geredet werden, egal, ob die Mittagspause schon halb um war. 

Wir zünden in aller Seelenruhe eine duftende Zigarre an und reichen sie im Kreis herum: Nila war und bleibt eine Philosophin für uns, deren Haltung und Gedanken, deren Wärme und Lachen in unsere Arbeit, aber auch in unsere Herzen eingeflossen ist. 

Hier gibt es noch mehr von und über Nila zu lesen.

Philosophieren mit Kindern – Willkommen

„Glaube und Philosophie gehören zusammen”: Evangelisches Gemeindeblatt für Württemberg